Keine Angst vor dem wahren Selbst

Erwachsen zu werden, den »Absprung« in ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen, ist ein Riesenschritt im Leben jedes einzelnen. Erst recht, wenn dieser Weg von einer intensiven Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und kulturellen Prägung begleitet wird, weil man als Kind von Einwanderern in einem Land aufwächst, das nicht die Heimat der Vorfahren war. Das erleben auch Safa und Aisha, die Heldinnen des Schauspiels »Absprung« von Rabiah Hussain, welches das Theater Heilbronn als Deutschsprachige Erstaufführung in der Inszenierung von Elias Perrig auf die Bühne bringt. Die beiden jungen pakistanisch-britischen Frauen leben in London und waren immer unzertrennlich. Beim Eintritt ins Berufsleben mit 21 Jahren gehen sie unterschiedliche Wege. Während die eine sich zu den Wurzeln ihrer Herkunft bekennt, versucht sich die andere fast bis zur Aufgabe des eigenen Selbst an die westlich geprägte Mehrheitsgesellschaft anzupassen.
»Absprung« ist nicht nur ein wichtiges Stück in einer Stadt wie Heilbronn, in der rund 60 Prozent der Heranwachsenden eine Zuwanderungsgeschichte haben. Es bietet auch große, fordernde Rollen für die beiden Schauspielerinnen Cosima Fischlein und Nora Rebecca Wolff und eine Geschichte mit einem hohen Identifikationspotential für alle jungen Leute, die auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben sind und irgendwann »springen« müssen. Rabiah Hussain verarbeitet in ihrem Debütstück, das sie im Alter von 26 Jahren schrieb, die eigenen Erfahrungen der Zerrissenheit zwischen den Kulturen und der ständigen Konfrontation mit Vorurteilen. Das Stück wurde 2020 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis und mit dem Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Die Premiere der Inszenierung von Elias Perrig ist am 15. April 2023 in der BOXX.

Zum Inhalt
Während der ganzen Schulzeit und auch noch an der Universität waren Safa und Aisha, zwei junge pakistanisch-britische Frauen aus dem Londoner East End, unzertrennlich. Jetzt, mit 21 Jahren, beginnt der Ernst des Lebens. Die beiden starten ins Berufsleben. Safa hat sich in einer großen Marketing-Agentur in der Londoner City beworben. Sie sitzt im 15. Stock eines modernen Hochhauses, die neuen Kollegen sind hip, gehen in die angesagtesten Clubs und sprechen ein feines Queens-English, auf jeden Fall ganz anders als Safas Freunde aus dem East End. Aisha möchte in ihrem Stadtteil bleiben, schon wegen ihres Vaters, der noch sehr unter dem Tod seiner Frau leidet, aber auch weil sie sich dort zu Hause fühlt. Sie wird Assistenzlehrerin an der Schule, die sie einst selbst besuchte.
Mit jedem Tag, den Safa in ihrer Agentur arbeitet, distanziert sie sich mehr von ihrer Herkunft und versucht zur elitären Geschäftswelt dazu zu gehören. Sie verändert ihre Sprache, trägt andere Kleidung, trinkt sogar Alkohol, strengt sich sehr an, um nicht aufzufallen und schluckt es herunter, wenn sie mit unterschwelligen rassistischen Animositäten ihrer Kollegen konfrontiert wird. Als eines Tages ein Terroranschlag auf die U-Bahn verübt wird, spürt sie, dass sie nur wegen ihrer Herkunft sofort in die Nähe der Täter gerückt wird: »Trotz des Schweigens kann ich spüren, dass meine Schuld sichtbar ist für alle um mich herum.«
Auch Aisha spürt die Feindschaft, die ihr nach dem Anschlag als Muslimin entgegengebracht wird. Sie sieht es aber gar nicht ein, sich zu verstecken. Jetzt, da muslimischen Frauen das Kopftuch auf der Straße heruntergerissen wir, bedeckt sie mit Stolz ihr Haupt. Das wäre ihr früher nicht im Traum eingefallen. Sie macht ihren Schülerinnen, die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung haben, Mut. Und sie erinnert sich an einen wichtigen Satz, den ihr die Mutter mit auf den Weg gegeben hat: »Hab keine Angst vor deinem wahren Selbst!«
Individuelle Charaktere fern von Klischees
Mit pointierten Dialogen entwirft Rabiah Hussain individuelle Charaktere fern von Klischees. Die parallel montierten Erzählpassagen der beiden Figuren verweisen auf die Parallelgesellschaften in den heutigen Großstädten Europas. »Absprung« ist ein klug konstruiertes Theaterstück, das ein überzeugendes und bitteres Portrait post-migrantischer Alltags-Realität zeichnet.

 »Absprung« hat den Deutschen Jugendtheaterpreis 2020 gewonnen. Jurorin Petra Fischer sagt in ihrer Laudatio: »Rabiah Hussain hat Konflikte unserer Tage in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären eingefangen, zeichnet ein Portrait post-migrantischer Alltagsrealität und weist darüber hinaus. Der Autorin gelingen glaubwürdige, überzeugende, vielschichtige Figuren. Dadurch wird das Stück auch zu einer Herausforderung für das Theater. Zwei große Rollen für zwei Schauspielerinnen, die in der Vielfalt ihrer Darstellungsmittel gefragt sind, um das Publikum zu berühren – mit einer Geschichte, in der sich jede und jeder wiederfindet, ob man in diesen Abnabelungsprozessen mitten drinsteckt oder ob man auf diese zurückblickt und weiß, dass es Absprünge immer wieder braucht im Leben.«

Rabiah Hussain ist Theaterautorin und lebt in London. Sie arbeitet an einem Werkauftrag für das Londoner Royal Court Theatre und entwickelt mehrere TV-Projekte. Ihr Debutstück, ABSRUNG (SPUN), hatte im Juli 2018 am Arcola Theater seine erfolgreiche Premiere. Das Stück wurde 2020 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis und dem Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Das Theater Heilbronn bringt »Absprung« als Deutschsprachige Erstaufführung heraus. Rabiah Hussain war Mitglied im BBC Drama Room 2018. Ihre Kurzstücke und Monologe wurden an mehreren Theatern inszeniert. Sie war Storyteller während des Battersea Art Centres London Migrant Stories Festival und Teil des What Keeps You Awake At Night Filmprojekts. Als Performerin präsentierte Rabiah Hussain zudem ihre Lyrik auf verschiedenen Bühnen.

Premiere am 15. April 2023, 20 Uhr, BOXX
Absprung (Spun) (DSE)
Schauspiel von Rabiah Hussain
aus dem Englischen von Cornelia Enger

Regie: Elias Perrig
Ausstattung: Beate Faßnacht
Dramaturgie: Nicole Buhr

Safa: Cosima Fischlein
Aisha: Nora Rebecca Wolff

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