Erste Implantation in Deutschland: Neuer Schrittmacher bei Inkontinenz

An der Helios St. Johannes Klinik wurde Anfang Februar deutschlandweit der erste Schrittmacher einer neuen Generation eingesetzt – mit deutlichen Vorteilen für die Betroffenen. Denn die kleinen Helfer mit innovativer Technik können Patient:innen mit Inkontinenz ein großes Stück Lebensqualität zurückgeben.

Das oftmals immer noch stark tabuisierte Krankheitsbild Inkontinenz, egal ob von der Blase oder dem Darm ausgehend, beeinflusst das Leben der Betroffenen enorm, da die meisten sich sozial, beruflich und persönlich einschränken müssen. Aber es ist auch behandelbar und vor allem für die neuesten Therapieoptionen sind spezialisierte Beckenboden- und Inkontinenzzentren wie an der Helios St. Johannes Klinik im Norden von Duisburg die richtigen Ansprechpartner. Hier hat das Team der Coloproktologie jetzt einen weiteren entscheidenden Schritt gemacht: Vergangene Woche wurde einer 61jährigen Patientin mit Stuhlinkontinenz in Alt-Hamborn erfolgreich der deutschlandweit erste Schrittmacher einer neuen Generation eingesetzt. Die dazugehörige Weiterentwicklung der sogenannten InterStim-Technik ist für Betroffene immens: Der Schrittmacher ist nun zum einen endlich mit dem Verfahren der Kernspintomographie (MRT) kompatibel. Das bedeutet, die Patient:innen können wieder mittels MRT untersucht werden. Zudem bietet die neueste Geräte-Version eine Batterietechnologie, deren Lebensdauer auf bis zu 15 Jahre gestreckt wurde. Vorher war es in der Regel nur rund halb so lang, dann musste der Schrittmacher mittels Operation ersetzt werden – dieses verlängerte Zeitfenster ist ein entscheidender Zugewinn für die Lebensqualität. Auch Dr. Andreas Köhler, Sektionsleiter der Coloproktologie und Operateur, ist angetan von der neuen Technik: „Die Behandlung mit Schrittmachern bei der Diagnose Stuhlinkontinenz ist zwar schon seit Jahren ein fester Bestandteil der Therapieoptionen, aber die technischen Fortschritte im Verlauf der Zeit sind enorm. Und das ist besonders für dieses sehr schambehaftete Krankheitsbild ein Segen.“

Wann aber bekommt jemand einen Schrittmacher und wie funktioniert diese Technik? „Je nach Ursache, Art und Ausmaß der Kontinenzbeschwerden passen wir zunächst die Therapie individuell an. Dazu zählen Lebensstilveränderungen, konservative und medikamentöse Therapien oder aber die sogenannte sakrale Neuromodulation, das heißt, die minimal-invasive Implantation eines Beckenboden-Schrittmachers“, erklärt der erfahrene Coloproktologe. Dieser rund vier Zentimeter große programmierbare Schrittmacher, der dem für das Herz sehr ähnelt, wird oberhalb des Gesäßes in die Haut implantiert und gibt über eine Elektrode sanfte elektrische Impulse in der Nähe der Sakralnerven ab, um die neuronale Aktivität zwischen Darm und Gehirn zu normalisieren. Dazu wird zunächst eine mehrwöchige Testphase mit einem externen Schrittmacher durchgeführt, um die Wirksamkeit zu testen und individuell festzustellen, ob der Patient auf die Therapie anspricht. Die Verbesserung der Symptome wird durch eine Regulation der Nervenaktivität erreicht, die den Beckenboden, Harntrakt und Darm steuern. Vorgängerversionen dieser Art Beckenboden-Schrittmacher wurden bislang bei weltweit mehr als 375.000 Patienten vorwiegend zur Behandlung von funktionellen Beckenbodenstörungen eingesetzt. Die Therapie hat eine langfristige Verbesserung der symptombedingten Beeinträchtigungen zum Ziel und soll den Patient:innen die Chance auf ein normales Leben ermöglichen. Eines, das nicht nur von der Suche nach der nächsten Toilette bestimmt wird.

Infokasten Inkontinenz:

Medizinisch trocken formuliert ist Inkontinenz das Unvermögen, die Ausscheidung von Urin oder Stuhl willentlich zu steuern. Schätzungen der Deutschen Kontinenzgesellschaft zufolge sind mehr als drei Millionen Frauen und Männer in Deutschland von Inkontinenz betroffen. Die Dunkelziffer ist aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung der Erkrankung aber sehr hoch. Die Auslöser sind vielfältig, unter anderem das Alter, Schwangerschaften oder operative Eingriffe können Inkontinenz verursachen. Die Lebensqualität der Betroffenen ist deutlich eingeschränkt, der Tagesablauf wird durch die nächstgelegene Toilette bestimmt. Damit einher gehen dann häufig soziale Isolation, Partnerschaftsprobleme und folgende psychische Erkrankungen wie Depressionen. Bei älteren Patient:innen kommt ein erhöhtes Sturzrisiko auf dem übereilten Weg zur Toilette hinzu. Nur rund ein Drittel der Patient:innen wendet sich mit dem Problem an ein/e medizinische/n Expert/in. Dabei könnten Ärzt:innen vielen Patient:innen mit einer abgestimmten Therapie helfen, die Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern

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