Der Traum vom Ruhm in unsicheren Zeiten

Berühmt zu werden, ein Star zu sein – ist ein Traum vieler junger Menschen. Der Erfolg von Formaten wie „Germanys Next Top Model“ oder anderen Casting-Shows lebt von dieser Sehnsucht, erst recht in Zeiten der politischen und sozialen Unsicherheit und der daraus resultierenden Orientierungslosigkeit Heranwachsender. Wer ein Star wird, hat es geschafft, braucht sich um seine berufliche und finanzielle Zukunft keine Sorgen mehr zu machen, so der (Irr)-Glaube. Auch Doris, die Heldin in Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ aus dem Jahr 1932,  träumt davon „ein Glanz“ zu sein, um trotz mangelnder Bildung zu Erfolg und Unabhängigkeit zu gelangen. Und auch ihre Zeit, die Geschichte spielt in der unmittelbaren Gegenwart ihrer Entstehung,  ist in radikalem Umbruch begriffen. Wachsende Armut, Wohnungsnot, das Auseinanderdriften der demokratischen Kräfte und die politische Spaltung des Landes boten den Nährboden für Rechtspopulisten. Hitler und seine NSDAP standen kurz vor der Machtübernahme.

„Das Ende der Weimarer Republik weist ganz zweifellos Parallelen zu dem auf, was wir gegenwärtig erleben.  Schon allein deshalb ist dieser Literaturklassiker absolut heutig“, findet Regisseur Jens Kerbel. „Die Figur der Doris bietet ein hohes Identifikationspotential für junge Leute, aber auch für alle anderen, die mehr vom Leben wollen.“ Seine Inszenierung von „Das kunstseidene Mädchen“ hat am 17. Februar um 20 Uhr in der BOXX Premiere.  In der Bühnenfassung von Gottfried Greiffenhagen zählt „Das kunstseidene Mädchen“ zu einem der erfolgreichsten deutschen Theatertexte. Seit der Uraufführung im Januar 1985 am Schauspiel Bonn kam es zu über 60 Inszenierungen. Die Rolle der Doris, die in Heilbronn von Giulia Weis aus dem Jungen Ensemble gespielt wird,  gehört zu den Glanzpartien für junge Schauspielerinnen.

Zum Inhalt
Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre. Die 18jährige Doris verdient sich ihren kläglichen Unterhalt in einer kleinen Stadt als Schreibhilfe bei einem schmierigen Rechtsanwalt. Ihre Mutter ist Garderobiere im Theater, ihr Vater arbeitslos. Hubert, ihre erste große Liebe, heiratet, kaum dass er sein Studium beendet hat, eine Frau seines Standes. Der Anwalt schmeißt sie raus, als Doris sich weigert, ihre mangelnden Orthografiekenntnisse durch Liebesdienste wettzumachen.  Sie wird Statistin im Theater und kämpft mit Tricks und Raffinessen darum, auf der Bühne gesehen zu werden. Eines Abends stiehlt sie den wertvollen Pelzmantel einer Zuschauerin und flieht nach Berlin, die Stadt ihrer Sehnsüchte. Schon lange träumt sie davon, ein „Glanz“ zu werden, von einem Leben in Luxus wie im Film.


Aber die Zeiten sind hart, die Folgen der Weltwirtschaftskrise prägen das Leben in der Großstadt. Der glitzernd-bunten Scheinwelt der Film- und Schlagerstars steht der glanzlose Alltag mit Massenarbeitslosigkeit, Kriminalität, Armut, Prostitution und politischen Unruhen gegenüber. Doris lebt als Illegale in Berlin, ohne Papiere und ohne Geld, immer in Angst von der Polizei entdeckt zu werden. Ihre Chancen auf Aufstieg sind ohne Bildung sehr gering. Sie hält sich mit flüchtigen Männerbekanntschaften über Wasser, gerät zuweilen in zwielichtige Kreise, verliebt sich oder geht aus rein pragmatischen Gründen mit unattraktiven Männern ins Bett. Aber alle Enttäuschungen und Rückschläge können ihr den Traum von einem glänzenden Leben in ferner Zukunft nicht nehmen.

Weiblicher Schelm
Mit lebendiger Naivität hinterfragt Doris auch tradierte Rollenmuster und Konventionen. Irmgard Keun legte ihrer Heldin eine faszinierend direkte und gleichzeitig verschroben poetische Sprache mit merkwürdigen Wortschöpfungen in den Mund.  „Doris ist ein weiblicher Schelm, der seinen Blick auf die Zeit richtet“, sagt Regisseur Jens Kerbel. Aus ihrer Sicht und den Erlebnissen, die sie in einem Tagebuch festhält, erhalten wir einen Einblick in das Leben in Deutschland zum Ende der Weimarer Republik durch die Nationalsozialisten.

Die Bühne von Carla Friedrich ist eine Reminiszenz an alte Berliner Mietshäuser, und sie spielt mit Film- Elementen aus jener Zeit. Mit Licht und Overheadprojektionen werden in dem durchstehenden Bühnenbild immer wieder neue Räume und Situationen geschaffen, die die Handlungsorte sinnlich erfahrbar machen. Das Kostüm greift den Titel auf: Giulia Weis trägt als Doris ein einfaches weißes (kunst)seidenes Kleid.

„Irmgard Keun war die witzigste Autorin der Weimarer Republik. Es hätte der Beginn einer großen Karriere sein können, aber ihr Erfolg kam zu spät.“ (Deutschlandfunk Dez. 2017 anlässlich des Erscheinens der Irmard-Keun-Werkausgabe bei Wallstein)

Die Startauflage von „Das kunstseidene Mädchen“ in Höhe von 50 000 Exemplaren war 1932 sehr schnell verkauft, es folgten Neuauflagen, Übersetzungen in fast alle europäischen Sprachen und viel Lob seitens der Kritik: Hier ist ein neues Talent. Genau ein Jahr dauerte der Erfolg. Denn gleich 1933 wurde „Das kunstseidene Mädchen“ als „schädlich und unerwünscht“ verboten und Irmgard Keun als  Verfasserin von „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ gebrandmarkt. Sie erhielt Schreibverbot in Deutschland. Irmgard Keun emigrierte 1936, lebte provisorisch und von der Hand in den Mund in Belgien und in den Niederlanden. 1940 kehrte sie unter falschem Namen nach Deutschland zurück, während die Presse ihren Selbstmord vermeldete, und lebte bis Kriegsende in der Illegalität. Erst 1977 wurde sie mit der Neuauflage ihrer beiden Romane, neben „Das kunstseidene Mädchen“ war „Gilgi – eine von uns“ (1931) ein großer Erfolg, wiederentdeckt.

Premiere am 17. Februar 2018, 20 Uhr, BOXX
Das kunstseidene Mädchen
nach dem Roman von Irmgard Keun
Bühnenfassung von Gottfried Greiffenhagen

Regie: Jens Kerbel
Ausstattung: Carla Friedrich
Dramaturgie: Kristin Päckert

Mit: Giulia Weis

die nächsten Vorstellungen: 19.2. –  11 Uhr;  02.03. – 20 Uhr;  05.03. – 11 Uhr;  06.03. – 11 Uhr + 20 Uhr; 18.06. – 20 Uhr; 19. 06. – 11 Uhr; 20.06. – 11 Uhr; 20.07. – 11 Uhr; 20.07. – 20 Uhr 

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