Öffentliche Verkehrsmittel und Handys sind verpönt

Zwei Gesellen auf der Walz besuchten kürzlich die Handwerkskammer Reutlingen, um nach einer kleinen Reisekostenunterstützung zu bitten. Die beiden jungen Männer gehören der Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen an und das so genannte Schallern, also das zünftige Vorsprechen bei Meistern, Innungen, Handwerkskammern, Gewerkschaften, Schlachtern, Bäckern oder Brauereien nach einer kleinen Reiseunterstützung, einer Wegzehrung, einem kühlen Trunk oder einem kostenlosen Nachtquartier ist ihr Brauch.

Der 26-jährige Mike Hanke aus Schleswig und der 24-jährige Nico Paetzold aus Frankfurt am Main tippeln bereits seit einigen Jahren, um ihre Erfahrungen und ihr Wissen um das eigene Handwerk zu erweitern und die Welt kennen zu lernen. Bereits Mitte des 12. Jahrhunderts begaben sich Gesellen, die ihre Ausbildung abgeschlossen hatten, unverheiratet und nicht älter als 30 Jahre alt waren, für mindestens drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft. Mike Hanke ist bereits seit fünf Jahren und acht Monaten auf der Walz, Nico Paetzold seit zwei Jahren und zwei Monaten. Kennengelernt haben sich die beiden jungen Männer vor sechs Monaten bei einer Veranstaltung, seitdem tippeln sie gemeinsam, immer auf der Suche nach einem Handwerksbetrieb, der ihnen mindesten sechs Wochen Anstellung bietet. Durften früher nur Männer auf die Walz gehen, ist es heute, je nach Zunft, auch Frauen erlaubt.

Die Tradition verlangt, dass sie nur zu Fuß oder per Anhalter unterwegs sind und einen großen Bogen um ihren Heimatort machen – der Bannkreis beträgt 50 Kilometer. Einen großen Bogen haben die beiden tatsächlich gemacht. Sie waren schon in Dänemark, Schweden und Norwegen, sogar bis nach Australien und Südafrika hat es sie verschlagen. Natürlich nicht zu Fuß. Ist das Geld für den Flug oder die Überfahrt selbst verdient, ist das Reisen per Schiff oder im Flugzeug nicht ausdrücklich verboten. Verpönt hingegen sind Handys. Mal kurz zuhause anrufen und die Familie wissen lassen, wo man ist und wie es einem geht, ist nur im Notfall gestattet; Postkarten und Briefe hingegen sind erlaubt.


Selbstverständlich gehen die beiden Gesellen in Kluft auf die Walz. Dazu gehört ein schwarzer Hut, ein kragenloses weißes Hemd, eine Samt- oder Manchesterweste, eine Samt- oder Manchesterhose, schwarze Schuhe oder Stiefel und das jeweilige Handwerkswappen. "Sämtliche zu transportierenden Gegenstände tragen wir in unserem Charlottenburger", erklärt Nico Paetzold und verweist auf ein Reisebündel, das mit Bildern der Vereinigung bedruckt ist. Der "Stenz", ein natürlich gewachsener Stock, dient als Wanderstab. Ein weiteres wichtiges Utensil stellt das Wanderbuch dar, das als eine Art Reisepass fungiert. Damit kann sich der fremde Geselle in der Öffentlichkeit und bei Behörden des In- und Auslandes als rechtmäßig fremdgeschriebener Geselle ausweisen. Es ist in vier Sprachen verfasst und hilft, besonders im Ausland, bei der Arbeitssuche und dem Erlangen von Arbeitsbewilligungen. "Ein Geselle ist stolz auf dieses Wanderbuch. Es gibt wieder, wo und wie lange man gearbeitet hat und ist eine schöne Erinnerung für später", erzählt Mike Hanke.
Nach ihrem "Schnack", dem Spruch in plattdeutscher Sprache, machten sich die beiden Gesellen Richtung Hechingen auf, wo auf sie die nächste Anstellung wartete.

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