Museum für Fotografie | Michael Wesely. Berlin 1860 – 2023 | 12.4. – 1.9.2024

Wie lässt sich die räumliche und architektonische Entwicklungsdynamik einer Stadt fotografisch visualisieren? Wie kann Fotografie überhaupt Zeit und Leben einfangen? In zwei neuen Werkkomplexen spürt der international bekannte Fotograf Michael Wesely die in historischen Architekturfotografien Berlins bewahrten Fragmente vergangener Wirklichkeiten auf, um die archivischen Dimensionen des Mediums Fotografie zu erforschen. Für „Doubleday“ legt Wesely seine eigenen Aufnahmen passgenau über alte Fotografien Berliner Architektur aus dem 19. und 20. Jahrhundert und schafft damit atemberaubende Zeitsprünge zwischen Einst und Heute. Und in der Serie „Human Conditions“ richtet der Künstler den Fokus auf die in den großformatigen Aufnahmen der Preußischen Messbildanstalt eingeschlossenen Lebensspuren der Menschen um 1900.

Michael Wesely (*1963), Absolvent der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie und der Akademie der Bildenden Künste in München, erfasst mit seinen oft extremen Langzeitbelichtungen Prozesse, die sich über Zeiträume von Minuten, vielen Stunden bis hin zu Jahren erstrecken. Die Kamera ist bei ihm statisch, sie nimmt die vergehende Zeit auf: für fünf Minuten sich mehr oder weniger stillhaltende Menschen, in einigen Tagen aufblühende und verwelkende Pflanzen, über Jahre im Bau entstehende Architektur. Immer schon befragte er die Grenzen des Mediums. An der Münchner Akademie entstanden Langzeitbelichtungen, bei denen er den Verschluss für die Dauer des Unterrichts in der Aktklasse, für die Dauer eines Vortrags oder für einen Tag in der Bibliothek geöffnet hielt. In die digitale Fotografie gewandelt, bleibt die Kamera ebenfalls fest an einem Ort installiert, doch werden hier täglich – oft über Jahre hinweg – hunderte Aufnahmen übereinandergelegt. In Langzeitprojekten fotografierte er die Errichtung einiger bedeutender städtebaulicher Strukturen in München, Berlin, São Paulo und anderen Städten. Von vorab auf Jahre festgelegten Standorten begleitete er den Umbau des Museum of Modern Art in New York (2001–2004) und die fünfjährige Sanierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Für die beiden neuen Werkkomplexe seiner Ausstellung im Museum für Fotografie hat Michael Wesely andere fotografische Verfahren des Festhaltens von Zeit entwickelt. Eine über mehr als 150 Jahre fotografisch erfasste Berliner Architektur- und Stadtgeschichte steht im Fokus der Serie „Doubleday“. Wesely untersucht hier in Überblendungen die durch Sprünge und Disruptionen geprägte Entstehung und Entwicklung der Großstadt. Die Arbeiten entstehen aus der Überblendung seiner am jeweils gleichen Ort gemachten Bilder mit historischen Aufnahmen berühmter Fotografen. Dazu zählen Fotografien von Friedrich Albert Schwartz, Albrecht Meydenbauer, Waldemar Titzenthaler, Max Missmann, Hein Gorny, Martin Badekow, Rolf Goetze aus den Sammlungen der Kunstbibliothek, des Brandenburgischen Landesdenkmalamts, des Stadtmuseums Berlin, des Landesarchivs Berlin, dem bpk-Bildarchiv, der Collection Regard und aus Privatsammlungen. Vom Alexanderplatz bis in die Gegend um den Bahnhof Zoo nahmen sie die bedeutenden Gebäude der Stadt in den Blick, dokumentierten städtebauliche Veränderungen, die Modernisierung der Stadt, ihre Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wie auch den Wiederaufbau.

Wesely fragt nun nach den heute noch sichtbaren Spuren der alten Bauwerke und legt gleichermaßen die oft massive Umgestaltung des städtischen Raums offen. Gleich einem Palimpsest, das in der Überlagerung unterschiedliche Überlieferungsschichten einer Urkunde offenbart, legen sich die Bildschichten übereinander. Flaneure des 19. Jahrhunderts am Alexanderplatz begegnen in „Doubleday“ Tourist*innen von heute, Ruinen werden von ihren wiederaufgebauten Kopien überblendet, an die Stelle des Schlosses Monbijou ist ein Park getreten. Das Prinzip der Überlagerung von historischen Fotografien mit neuen eigenen Aufnahmen setzte Wesely bereits 2018 in seiner Serie zum Landhaus Lemke von Mies van der Rohe Haus in Berlin-Weißensee, bei der er die Bilder des Interieurs von 1938 zur Grundlage nahm.

Für „Human Conditions“ begibt sich Michael Wesely auf eine detektivische Suche nach dem Alltäglichen. Die von Albrecht Meydenbauer begründete Königlich Preußische Messbilderanstalt machte es sich ab 1885 zur Aufgabe, ein fotografisches Archiv der deutschen Baudenkmäler zu errichten, das wegen der hohen Präzision der Aufnahmen, zusammen mit messtechnischen Blättern, eine exakte Dokumentation und Rekonstruktion der Bauten ermöglichen sollte. Es entstanden zehntausende Aufnahmen auf Glasnegativen im Großformat 40 x 40 cm, die heute im Brandenburgischen Landesdenkmalamt aufbewahrt werden. Die von Wesely aufwendig digital gescannten Negative wurden von ihm neu gesehen und bis in kleinste Details untersucht. Allerdings ging es ihm hier nicht um die Gebäude, sondern um die Spuren fotografischer Arbeitsprozesse wie Retuschen und Überblendungen, Auskratzungen und Übermalungen. Weselys Faszination gilt insbesondere dem spukhaften Verschwinden von Menschen in Bewegung, deren Konturen durch die langen Aufnahmezeiten nicht festgehalten wurden und deren Schemen er akribisch herauspräpariert. Die von ihm ausgewählten Bildausschnitte machen diese Spuren erst sichtbar.

Neben den beiden neuen Werkkomplexen präsentiert das Museum für Fotografie auch ausgewählte Arbeiten Weselys aus vergangenen Jahren. Dazu zählt der erst kürzlich abgeschlossene Zyklus zum Leipziger und Potsdamer Platz, der die Entstehung des neuen Stadtquartiers von 1997 bis 2021 verfolgte. Im Kontrast dazu stehen Fotografien der Bildagentur Willy Römer aus der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek, die das urbane Leben der 1910er bis 1930er Jahre auf den beiden Plätzen festhalten.

Eine weitere Werkgruppe zeigt Demonstrationen und Protestversammlungen: Den Vorbeimarsch der Demonstranten der Black Live Matters-Bewegung auf dem Alexanderplatz, den Women‘s March oder einen Umzug zum 1. Mai an der Potsdamer Brücke wurden von Wesely jeweils für einige Minuten aufgenommen. Und auch diese Ereignisse hinterlassen in ihrer Flüchtigkeit Spuren und Schemen. Sie werden mit bildjournalistisch erfassten Demonstrationen der Novemberrevolution von Willy Römer und den Aufnahmen der Studentenrevolte der späten 1960er Jahre von Bernard Larsson ins Gespräch gebracht.

„Michael Wesely. Berlin 1860 – 2023“ wird kuratiert von Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek.

Wegen Ab- und Aufbauarbeiten an Sonderausstellungen ist das Museum für Fotografie vom 30. Januar bis 14. Februar 2024 für Besucher*innen geschlossen. Noch bis 28. Januar 2024 ist die Ausstellung "Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust" zu sehen. Die nächste Sonderausstellung „Chronorama. Photographic Treasures of the 20th Century“ der Helmut Newton Stiftung startet ab 15. Februar 2024.

Museum für Fotografie
Jebensstraße 2, 10623 Berlin
Di + Mi 11 – 19 Uhr, Do 11 – 20, Fr – So 11 – 19 Uhr

Michael Wesely. Berlin 1860 – 2023
12. April – 1. September 2024
Eine Sonderausstellung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin
Pressevorbesichtigung: Donnerstag, 11. April 2024, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 11. April 2024, 19 Uhr

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