Harvester zerstören Quellbiotope im Hauser Wald und bei Westernohe

„Der flächendeckende Einsatz von großen und schweren Forstmaschinen führt zunehmend zu Umweltschäden, die nicht nur für den Lebensraum Wald, sondern auch für die außerhalb liegenden Gebiete Folgen haben. Erschreckende Beispiele mit tief zerfahrenem Waldboden finden sich im Hauser Wald und bei Westernohe, verursacht durch tonnenschwere Harvester“, erklärten Harry Neumann, Landesvorsitzender des Umweltverbandes Naturschutzinitiative e.V. (NI), Dr. Holger Rittweger, Wissenschaftlicher Beirat der Naturschutzinitiative e.V. (NI) und Dipl.-Biologe Immo Vollmer, Naturschutzreferent der NI.

Dabei geht es nicht nur um die unmittelbare Zerstörung schützenswerter Feuchtbiotope, sondern auch um ständig zunehmende Bodenverdichtung, die vor allem anhand bleibender tiefer Fahrrinnen sichtbar wird. Letzteres führt nachweislich zu einem beschleunigten oberflächlichen Wasserabfluss und damit einhergehend zu einem schnelleren und längerfristigen Austrocknen der Waldböden sowie einer Minderung der Grundwasserneubildungsraten. „Der zunehmende Verlust an Wasserrückhaltevermögen im Wald (Pufferkapazität) muss deshalb auch als eine der Ursachen für die Zuspitzung von Hochwasserereignissen im Umland bei Starkregen und/oder Schneeschmelze begriffen werden“, so die Experten weiter.

Quellen und Quellgerinne nebst begleitenden Einzugsbereichen sind als besonders sensible Lebensräume zu betrachten. Sie sind durch eine speziell angepasste und nur in diesen Biotopen vorkommende Fauna gekennzeichnet, die auf reinstes Wasser angewiesen ist: z. B. Höhlenflohkrebse, Alpenstrudelwurm oder Quellschnecken. Da unzählige Quellen bereits aus unserer Landschaft verbannt bzw. durch anthropogene Eingriffe wie Drainage oder Überbauung zerstört wurden, gehören die verbliebenen zurecht zu den nach § 30 Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) geschützten Biotopen. Ihr Schutz ist eine Sache, Ihr sicheres Erkennen im Gelände jedoch eine ganz andere – erst recht aus dem Führerhaus einer großen Forstmaschine.

„Quellen sind durch ein vielfältiges Erscheinungsbild gekennzeichnet und in manchen Waldgebieten weitaus häufiger als die meisten Menschen annehmen – insbesondere im Bereich von Wasserscheiden. Nicht selten sind hier viele kleine Quellaustritte auch unter der Oberfläche miteinander verbunden, sodass der Lebensraum der Quellfauna (vom sog. oberflächennahen „Interflow“ bis ins Grundwasser) sehr viel größer ist, als oberirdisch zu erahnen. Nicht alle Quellen schütten ganzjährig; ihr sicheres Erkennen, vor allem der unterirdischen Zusammenhänge, erfordert viel Zeit und Erfahrung. Gerade der häufigste Quellentyp, die sog. Versumpfungsquelle (Helokrene) wird oftmals nicht als solche erkannt. Aufgrund des meist fehlenden eindeutig zu lokalisierenden Grundwasseraustritts werden Helokrenen nicht selten mit Staunässezonen verwechselt“, erklärt Dr. Rittweger, der mit der Kartierung dieser besonderen Lebensräume befasst ist.

Wälder, in denen Quellen in besonderer Häufung auftreten, verdienen in jedem Fall besondere Aufmerksamkeit und erfordern eine äußerst behutsame Bewirtschaftung. Sie sollten unter Naturschutz gestellt werden. „Ein Beispiel ist der Hauser Wald bei Waldbrunn-Hausen im Westerwald, für den seitens der Naturschutzinitiative e.V. (NI) und der HGON bereits im März 2019 ein Antrag auf Ausweisung als Naturschutzgebiet (NSG) gestellt wurde. Ein entsprechendes Verfahren wurde bislang jedoch noch nicht eröffnet“, so Harry Neumann und Immo Vollmer.

Ein weiteres Beispiel aus dem Westerwald sind die bewaldeten Höhenzüge östlich Rennerod inkl. des südöstlich anschließenden Knoten (605 m NN), wo u.a. im Bereich der Wasserscheide zwischen Lahn und Dill zahlreiche kleine Bäche entspringen – z.B. der Lasterbach und der Holzbach. In beiden Waldgebieten nehmen quellige Vernässungszonen große Flächen ein. Diese sind meist auch in trockenen Sommern zuverlässig anhand einer Vielzahl von Entwässerungsgräben zu erkennen – Relikte aus Zeiten, in denen die Bedeutung des Wassers im Wald nur von wenigen Fachleuten erkannt wurde.

„Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt jedoch überdeutlich, dass hier dringend ein Umdenken einsetzen muss, sowohl was das möglichst naturnahe Bewirtschaften als auch das Zulassen und Wiederherstellen (!) von Vernässung anbelangt. Das großflächige Fichtensterben infolge zu trockener Sommer und Borkenkäferbefall ist auch in den beiden hier genannten Wäldern geradezu als Fanal für eine falsche, kurzsichtige und zu sehr profitorientierte Waldbewirtschaftung zu werten. Gleiches gilt für das aktuell auf dem Fuße folgende, geradezu industrieartig organisierte und komplett naturferne „Aufräumen im großen Stil“. Mit schwerstem Gerät und ohne jedes Bewusstsein für Jahrtausende alte Zusammenhänge und Strukturen wird „geerntet“ was abgestorben bzw. kurz davor ist. Die Frage, ob der zerfahrene und verdichtete Untergrund womöglich um ein Vielfaches wertvoller als die darauf stockenden traurigen Fichtenmasten ist, stellt sich erst gar nicht“, sind sich die Naturschützer einig.

Dabei sollte doch völlig klar sein, dass sich der Einsatz von kraftstoffbetriebenen Maschinen und Fahrzeugen im Einzugsbereich von Quellen eigentlich von selbst verbietet. Neben der Kontaminationsgefahr durch Kraft- und Schmierstoffe (auch des so gern ins Feld geführten sog. „Bio-Öls“), die hier nicht nur die Biotope, sondern immer auch die Grundwasserqualität beeinträchtigen können, steht die enorme Bodenverdichtung durch tonnenschwere Fahrzeuge wie Harvester. „Im Bereich von Quellen und feuchten Böden richten sie geradezu verheerende Schäden an (s. Abb.). Sie schaffen künstliche Entwässerungsgräben, die die Quellgerinne umleiten – nicht selten direkt auf die Waldwege. Diese müssen, um für schwere Fahrzeuge befahrbar zu bleiben, dann nachfolgend durch noch tiefere Seitengräben „vor Durchweichung geschützt“ werden. Im Verein mit der Bodenverdichtung führen die genannten Eingriffe somit zu einer deutlichen Erhöhung der Abflussraten und damit zu einer Verschärfung von Hochwasserereignissen außerhalb der Wälder“, erklärte Dr. Rittweger. Gleichzeitig komme es zu einer rascheren Austrocknung der Waldböden und einer Minderung der Grundwasserneubildungsraten. Dass dies ein ernst zu nehmendes und sich weiter potenzierendes Problem darstellt, zeige allein ein Blick in großmaßstäbige Schummerungskarten (Digitales Geländemodell/LiDAR-Scans), in denen die eingetieften Fahrrinnen streckenweise schon zahlreicher und deutlicher hervortreten als natürliche Oberflächenformen. Aus Sicht des Natur- wie auch des Grundwasserschutzes fordert die NI für naturnahe Wälder deshalb alternativ und grundsätzlich den Einsatz von Rückepferden.

Hinzu komme laut NI schließlich noch ein weiteres Problem, dem bislang viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde: Mit jeder Fahrt in einen Wald werden naturunverträgliche Fremdpartikel und schwer abbaubare Substanzen (Reifenabrieb etc.) eingetragen – im Winter sogar Streusalz. Mag das im Einzelfall auch eine zu vernachlässigende Größe sein, in der Addition über Jahrzehnte ergibt sich ein durchaus messbares und gewichtiges Problem – z.B. für die eingangs erwähnten höchst empfindlichen Quellorganismen. „Hier sind insbesondere Forst und Jägerschaft gefordert, gleichsam umzudenken: wo immer machbar, auf das Fahren zu verzichten, um einer möglichst unberührten Natur wieder den so dringend benötigten Raum zu überlassen“, betonten Harry Neumann, Dr. Holger Rittweger und Immo Vollmer.

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