Sudetendeutscher Tag 2020 wird verschoben

"Schweren Herzens" hat der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, also der oberste politische Repräsentant des Vierten Bayerischen Stammes, Bernd Posselt, bekannt gegeben, daß der nächste Sudetendeutsche Tag wegen der notwendigen Bekämpfung des Corona-Virus nicht wie gewohnt an Pfingsten stattfinden kann. Dies sei besonders bedauerlich, weil es im Mai genau 75 Jahre her sei, seit mehr als drei Millionen Angehörige der Sudetendeutschen Volksgruppe aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben und wie auch die wenigen zehntausend Heimatverbliebenen kollektiv entrechtet wurden. Heute sei das jährliche Pfingsttreffen ein europäischer Begegnungsort, der auf der Basis der gemeinsamen böhmisch-mährisch-schlesischen Kultur und des Völkerverständigungsgedankens nicht nur Deutsche von diesseits und jenseits des Böhmerwaldes zusammenführe, sondern auch immer mehr Tschechen und Gäste aus allen Teilen Europas.

Klaus Hoffmann, stlv. Bundesvorsitzender und Landesobmann in Baden-Württemberg, sieht das Wohl der Besucherinnen und Besucher an erster Stelle und begrüßt die frühzeitige Information. "Pfingsten und der Sudetendeutsche Tag ist fester Bestandteil im Jahreskalender unserer sudetendeutschen Volksgruppe. Eine Absage dieser einerseits tradtionsreichen andererseits für das Selbstverständnis unserer Volksgruppe wichtigen Veranstaltung fällt uns nicht leicht. Aber die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Landsleute hat höchste Prirorität."

Da eine über ganz Mitteleuropa zerstreute Volksgruppe in besonderer Weise auf Treffen angewiesen sei, strebe der Bundesvorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) zweifachen Ersatz an: Zum einen werde es voraussichtlich vom 20. bis 22. November 2020 einen "Kleinen Sudetendeutschen Tag" in München geben, mit Verleihung des Europäischen Karlspreises der Sudetendeutschen, glanzvollen kulturellen und heimatpolitischen Akzenten sowie einem Jubiläumsfest "70 Jahre Sudetendeutsche Jugend". Zum anderen sei geplant, zu Pfingsten nächsten Jahres, also von 21. bis 23. Mai 2021, den 72. Sudetendeutschen Tag, verbunden mit einem Donau-Moldau-Fest in der Innenstadt, wie ursprünglich für dieses Jahr vorgesehen in Regensburg abzuhalten.


Posselt kündigte außerdem an, in der Zwischenzeit über die vielen ehrenamtlichen Funktionsträger der Landsmannschaft Kontakt mit den Mitgliedern zu halten, vor allem jenen, die momentan besonders einsam sind, sowie die Sudetendeutsche Zeitung als Wochenblatt zu stärken und noch weiter zu verbreiten, wozu jeder durch Abonnement wesentlich beitragen könne. Auch die Nutzung elektronischer Medien werde von der SL-Pressestelle systematisch erweitert. Posselt: "Gerade in solchen schweren Zeiten gilt es, die Einheit und den Zusammenhalt der sudetendeutschen Gemeinschaft mit ihren vielen Erscheinungsformen zu pflegen und gleichzeitig dafür zu sorgen, daß der erfolgreiche Verständigungsprozeß mit dem tschechischen Volk trotz vorübergehender Grenzschließungen fortgesetzt werden kann. Tschechen und Sudetendeutsche haben vor 30 Jahren bei der Beseitigung des Eisernen Vorhanges zusammengearbeitet, jetzt muß uns dies auch angesichts der mentalen Barrieren gelingen, die nationalistische Demagogen unter Mißbrauch der Corona-Krise zwischen uns errichten wollen." 

Der Volksgruppensprecher und SL-Bundesvorsitzende schloß seinen Aufruf mit den Worten: "Bleiben Sie gesund, wir brauchen Sie! Aus Südtirol habe ich den Tipp erhalten, daß man die Hände immer so lang waschen soll, wie ein ‚Vater unser‘ dauert. Diese doppelte Reinigung wird Ihnen und uns allen guttun. "

Über Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesgruppe e. V

Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesverband Baden-Württemberg e.V.

Wir vertreten die im Land Baden-Württemberg wohnenden Sudetendeutschen.

Die Nachfahren jener Deutschen, die vor mehr als 800 Jahren in den sogenannten "Böhmischen Ländern", nämlich in Böhmen, Mähren und dem südlichen Teil Schlesiens (diese Länder bilden heute die "Tschechische Republik") ansässig geworden sind, wurden in diesem Jahrhundert unter dem Sammelnamen "Sudetendeutsche" bekannt.

1945/46 wurden 3,2 Millionen von den insgesamt 3,5 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihr Eigentum wurde entschädigungslos konfisziert. Konfiskation und Vertreibung waren begleitet von blutigen Exzessen. Grundlage dieser gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßenden "ethnischen Säuberung" bildeten Dekrete, die vom damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš erlassen worden waren und die heute noch gültig sind.

Rund 600 000 dieser vertriebenen Sudetendeutschen kamen nach Baden-Württemberg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten und in das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben eingegliedert wurden. Sie fanden sich in zahlreichen Vereinigungen zusammen, deren Grundlage ganz verschiedenartig war: Herkunftsgebiete, politische oder kulturelle Interessen, Freizeitgestaltung, berufliche Gemeinsamkeiten und manches mehr.

Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher. Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des "Südweststaates" beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.

27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen – wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben – wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.

Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.

Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche einzelner deutscher Bundesländer

Bayern 70550 km2
Baden-Württemberg 35750 km2
Sudetenland 26500 km2
Hessen 21100 km2
Schleswig-Holstein 15700 km2
Saarland 2600 km2

Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.

Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den "Prager Deutschen Philharmonikern" hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen "Räuber Hotzenplotz" und "Kleine Hexe" heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.

Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.

In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.

Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.

Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten

Norwegen 4,1 Mio
Sudetendeutsche 3,8 Mio
Irland 3,3 Mio
Albanien 2,7 Mio
Luxemburg 0,36 Mio
Island 0,23 Mio

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