Firmen dürfen Ingenieure nicht abhängen

Unter dem Leitbegriff Industrie 4.0 zeigt die Hannover Messe gerade, zu welchen beeindruckenden Lösungen die Verbindung von klassischer Ingenieurkunst und digitaler Technik führt. Der Weg dahin ist jedoch alles andere als einfach. Ingenieure können sogar zu Verlierern werden. Das wäre fatal.

Wie kommt es dazu und was muss geschehen, um die auf Ingenieurkunst basierende Stärke der deutschen Wirtschaft bei der digitalen Transformation auszubauen und nicht zu schwächen?

Neue Innovationsmethoden verbreiten sich – nicht ohne Konsequenzen


Die Ausgangslage ist stabil. Obwohl vor zwei Jahren noch viele selbsternannte Propheten mit dem Szenario drohten, dass Deutschland komplett den Anschluss an die Digitalisierung verschläft, haben Unternehmen mittlerweile gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Die deutsche Industrie setzt erneut Standards. Dabei werden immer mehr Innovations- und Entwicklungsmethoden integriert, die aus dem Silicon Valley stammen, z.B. das sich rasant verbreitende Design Thinking. Vor fünf Jahren war dieser nutzerzentrierte Ansatz noch ein Kuriosum. Heute hat er sich zum Quasistandard für Digitalisierungsprojekte entwickelt.

Das hat Konsequenzen, die sich aus der Arbeitsweise der Methode ergeben. Ausgehend von intensiven Beobachtungen und Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern, werden Ideen generiert, die passgenau Bedürfnisse bedienen, für die Kunden bisher keine oder keine ausreichenden Angebote fanden. Darauf aufbauend werden in der Entwicklung in wenigen Stunden bis Tagen einfache Prototypen mit Materialien erstellt, die sich in jedem Kindergarten finden. Das Ziel ist, sehr schnell Prototypentests mit Kunden durchzuführen und daraus zu lernen. So lässt sich frühzeitig eine Passung zwischen Produkt und potenziellen Kunden entwickeln, die die Wahrscheinlichkeit des Markterfolges deutlich steigert.

Dieser Prozess unterscheidet sich signifikant vom klassischen ingenieurwissenschaftliche Weg. Noch schwerer wiegt aber, dass das Verfahren oftmals von Personen umgesetzt wird, die aus einem ganz anderen Hintergrund stammen, wie z.B. Kulturwissenschaften oder Mediendesign. Es entstehen dann häufig hübsch anzusehende Prototypen, auf die Kunden positiv reagieren. Das technische Potenzial wird aber bei Weitem nicht ausgereizt. Ein Ingenieur eines Maschinenbauers fasste das bei der Vorstellung eines Prototypen folgendermaßen in Worte: "Keine Frage, die jungen Leute haben da eine interessante Lösung entwickelt. Man sieht ihr aber sofort an, dass die keine Ahnung haben, was eigentlich heutzutage technisch möglich und was notwendig ist. Damit werden wir keinen Blumentopf gewinnen."

Lösungswege sind: Neues lernen, einmischen, konzentriert kooperieren und eine neue Unternehmenskultur

Die Lösung kann nur eine Synthese sein. Design Thinking und verwandte Methoden besitzen unbestreitbar ein enormes Potenzial, um Innovation schnell und kundenzentriert voranzutreiben. Den Status einer Industrienation, die weltweit technologische Standards an der Spitze des Machbaren liefert, werden wir ausschließlich mit agilen Methoden und Pappmodellen nicht verteidigen können. Dafür brauchen wir Spitzentechnologie. Die Lösung kann also nicht in einem Ersatz ingenieurwissenschaftlichen Vorgehens durch neue Methoden liegen, sondern nur in einem möglichst fruchtbaren Zusammenspiel. Dafür gibt es verschiedene Wege:

Ingenieurinnen und Ingenieure in agile Vorgehensweisen einbinden: Langfristig wird es immer wichtiger und alltäglicher werden, dass auch Ingenieure Methoden wie Design Thinking beherrschen oder zumindest in Teams eingebunden sind, die damit Innovation vorantreiben. Nicht immer ist es aber möglich, dass Ingenieurinnen und Ingenieure so viel Zeit für Prototypen und Kundentests aufbringen. Dann sind neue Kooperationsformen gefragt.

Konzentrierte Kooperation von Ingenieuren und Design Thinkern in Technologie-Obeyas: Wenn eine kontinuierliche Zusammenarbeit nicht möglich ist, ist es umso wichtiger, Technologieverstand, regelmäßig punktuell einzubinden. Ein gutes Verfahren dafür ist ein Obeya (japanisch für "großer Raum"). Hinter diesem Begriff steht ein schon lang bekanntes Vorgehen aus dem Toyota Innovationssystem. Dabei werden in einem großen Raum alle verfügbaren Erkenntnisse, Prototypen und Entwicklungsstände aller Beteiligten, also sowohl der nutzerzentriert arbeitenden Design Thinker als auch der technologisch fundierten Ingenieure, zusammengetragen. In einem moderierten Prozess wird gegenseitiges Verständnis für die Entwicklungsstände hergestellt und es wird gemeinsam der Weg für die weitere Entwicklung festgelegt.

Langfristig verändern Unternehmen sich unter dem Einfluss dieser Vorgehensweisen in einer positiven Art und Weise. Es wird normaler, abteilungsübergreifend zu arbeiten und die Kompetenzen anderer Disziplinen zu achten und zu nutzen. Das sollte von Führungskräften aktiv unterstützt werden. Die Ingenieurkunst wird gestärkt und nutzerorientierter, indem sie sich mit der Welt außerhalb der reinen Technologie auseinandersetzt. Unternehmen, die diesen Weg gehen, werden auch zukünftig in Technologiemärkten erfolgreich sein.

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