Laut aktuellen Daten des Marine Protection Atlas sind weltweit ca. 9,8 % aller marinen Lebensräume als Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Jedoch sind davon lediglich 3,5 % vollständig (fully protected) oder stark geschützt (highly protected).
In deutschen Meeresschutzgebieten dürfen nach wie vor Grundschleppnetze eingesetzt werden
„Deutschland hat anlässlich des MPA Day keinen Grund zum Feiern“, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz. „Im Gegenteil. Es ist unfassbar, dass ausgerechnet im Nationalpark und UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer Krabbenfischer nach wie vor mit Grundschleppnetzen fischen dürfen. Und nicht nur dort.“
Aktuell finden Verhandlungen um eine von der EU geforderte Ausweitung von fischereifreien Zonen im niedersächsischen Küstenmeer statt. Derzeit sind lediglich rund 3 % der Gesamtfläche des niedersächsischen Teils des Nationalparks Wattenmeer komplett nutzungs- und fischereifrei. Die EU-Biodiversitätsstrategie verlangt dort jedoch einen Anteil von 10 % an streng geschützten, fischereifreien Gebieten.
„Auch 10 Prozent sind noch zu wenig für ein wirksames Meeresschutzgebiet. Auf mindestens 50 % der Fläche sollte es keinerlei Fischerei geben. Im übrigen Teil sollten nur nachhaltige Nutzungen erlaubt sein, wie Pole-and-Line-Fischerei (Handangeln)“, fordert Karlowski.
Deutsche Meeresschutzgebiete schützen nichts
In deutschen Meeresschutzgebieten in den Küstenmeeren (12-Meilen-Zone), die in die Zuständigkeit der Bundesländer fallen, oder in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ/200-Seemeilen-Zone), für die der Bund zuständig ist, gibt es kaum nutzungsfreie Zonen.
Eine 2024 veröffentlichte Auswertung von Fischereidaten (Satelliten-Tracking-Daten von Fischerbooten von Global Fishing Watch) zeigte, dass fünf deutsche Meeresschutzgebiete in der AWZ und im Küstenmeer zu den Top 10 der am stärksten in EU-Gewässern mit Grundschleppnetzen befischten Gebiete zählen. Auf Platz 1 lag dabei ausgerechnet der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer mit über 730.000 Stunden!
Doch auch andere Nutzungen sind gang und gäbe in deutschen Meeresschutzgebieten:
- Stellnetzfischerei
- Sand- und Kiesabbau
- Sprengung von Munitionsaltlasten
- weitgehend unregulierter Schiffs- und Bootsverkehr
- Bau von Offshore-Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe zu MPAs
- Bau fossiler Infrastruktur wie die neuen Erdgasbohrungen vor Borkum
- Unterseekabel wie Offshore-Windenergie-Netzanbindungskabel oder Datenkabel mit entsprechenden Kabelanlandestationen
- Betrieb der Ölförderplattform Mittelplate in der Kernzone 1 des Nationalparks Wattenmeer (strengster Schutzstatus) inklusive einer zum Festland reichenden Pipeline
Meeresschutzgebiete neu denken
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz unterstützt die Einrichtung von wirksamen Meeresschutzgebieten (MPAs) oder spezieller Schutzzonen wie IMMA (Important Marine Mammal Area). Vorrangig allerdings setzt man dabei auf Bottom-up-Initiativen, die sich als LMMA (Locally Managed Marine Area) oder in lokalen Schutzkonzepten für ISRAs (Important Shark and Ray Areas) manifestieren.
„Der gemeinsame Nenner dieser Bottom-up-Meeresschutzinitiativen ist, dass lokale Küstengemeinden unmittelbar in alle Maßnahmen eingebunden sind und daran teilhaben. Zudem werden für die Menschen nachhaltige Nutzungszonen in Kombination mit Schutzzonen etabliert“, erklärt Ulrich Karlowski. „Im Idealfall kommt die Initiative für die Einrichtung einer LMMA von Nutzergruppen wie Fischern. Diese wissen den mit der Einrichtung von Schutzgebieten verbundenen Spill-over-Effekt zu schätzen, der ihnen bereits nach wenigen Jahren höhere Fangerträge beschert.“
Leider funktioniert Meeresschutz in Deutschland ausschließlich nach dem Top-down-Prinzip. „Wenn die Bevölkerung nicht von Anfang an gleichberechtigt in die Planungen eingebunden ist und zu wenig oder keine Teilhabe hat, sind Konflikte vorprogrammiert. Wie bei der gescheiterten Einrichtung des Ostsee-Nationalparks in Schleswig-Holstein“, verdeutlicht Karlowski.
Hintergrundinformationen
Was ist der Spill-over-Effekt von Meeresschutzgebieten
In streng geschützten Meeresschutzgebieten mit sogenannten No-Take-Zonen, also ohne Fischerei (fully protected), erholen sich die degradierten Bestände in der Regel innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig verbessert sich die Resilienz der Bestände. Es gibt wesentlich mehr und größere Exemplare. Mit der Zeit wandern ausgewachsene Tiere und Jungtiere über die Grenzen der No-take-Zone hinaus in die befischten Randzonen. Fischer profitieren so vom Spill-over aus dem Schutzgebiet. Sie fangen mehr und oft auch wieder größere Fische und können so ihren Fangertrag steigern.
Was ist Grundschleppnetzfischerei?
Die Fischerei mit bodenberührenden Netzen (Grundschleppnetzfischerei) ist die zerstörerischste legale Fischereimethode. Ihre negativen Auswirkungen für die Biodiversität und ihre Klimafolgeschäden sind ähnlich wie die der weltweit geächteten und verbotenen Dynamit- oder Sprengstofffischerei.
- extrem hohe Beifangraten von bis zu 90 Prozent (allein in der EU von 2015 bis 2019 etwa 1 Million Tonnen toter Meerestiere)
- Zerstörung des Meeresbodens und empfindlicher Tiefseelebensräume wie Seeberge und Kaltwasserkorallen
- Vernichtung potenter natürlicher CO?-Speicherökosysteme wie Seegraswiesen
- Freisetzung großer Mengen von in Sedimenten gespeichertem CO?
- hoher Kraftstoffverbrauch und damit verbundene schädliche Emissionen (Kohlendioxid, Methan, Lachgas, Schwefeloxide, Stickoxide, Ruß) beim Ziehen künstlich beschwerter Netze über den Meeresboden
- Plastikmüll: Einträge von tonnenweise verlorenen Dolly Ropes (rote oder blaue Scheuerfäden aus Polyethylen)
- Mit Grundschleppnetzen gefischte Meeresfrüchte und Fische weisen einen der höchsten CO?-Fußabdrücke aller Proteinquellen auf.
- Studien zeigen, dass global etwa 23 Prozent des Fischereiaufwands mit bodenberührenden Netzen ausgerechnet in Meeresschutzgebieten stattfindet.
- In einigen Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Spanien erreicht der Fischereiaufwand mit Grundschleppnetzen in Meeresschutzgebieten sogar über 25 Prozent.
Was ist eine Locally Managed Marine Area (LMMA)?
Eine Locally Managed Marine Area (LMMA) ist ein Küsten- oder Meeresgebiet, das hauptsächlich von den lokalen Gemeinschaften, Landbesitzern, Partnerorganisationen und/oder kooperierenden Regierungsvertretern verwaltet wird. Diese Gebiete fördern nachhaltige Ressourcennutzung und den Schutz der marinen Umwelt durch lokale Beteiligung und traditionelle Praktiken.
Was ist eine Important Marine Mammal Area (IMMA)?
Important Marine Mammal Areas („wichtige Lebensräume für Meeressäuger“) sind durch wissenschaftliche Daten abgesicherte, räumlich definierte Lebensräume von Meeressäugetieren (Wale, Delfine, Robben, Seekühe und Eisbären). IMMA-Gebiete haben entscheidende Ökosystemfunktionen für das Überleben der Meeressäuger.
IMMAs werden durch Expertenprozesse auf der Grundlage wissenschaftlicher Kriterien, unabhängig von politisch-ökonomischen Interessen festgelegt. Ihr Zweck ist es, durch Schutzmaßnahmen oder Überwachung den Erhaltungszustand der in dem Gebiet lebenden Arten sicherzustellen und zu verbessern.
Etwa 76 % der bislang anerkannten IMMAs wurden aufgrund ihrer Bedeutung für gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Arten identifiziert.
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM) ist eine Treuhandstiftung, die 2007 gegründet wurde. Ziel unserer Arbeit ist es, der Ausbeutung der Weltmeere und der Vernichtung ihrer Bewohner etwas entgegenzusetzen. In Kooperation mit engagierten Forschern und Organisationen rund um den Globus fördern und verwirklichen wir Projekte und Aktionen zum Erhalt des Lebens in den Meeren. Ermöglicht wird dies durch Spenden.
Wir sind Mitglied im europäischen Meeresschutzbündnis Seas At Risk (SAR / seas-at-risk.org), in der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC / deep-sea-conservation.org) und sind Netzwerkpartner der UN-Dekade der Meeresforschung für nachhaltige Entwicklung (2021 – 2030) in Deutschland (Ozeandekade / ozeandekade.de).
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