Lieber Simon, gibt es nach zehn professionellen Kurzfilmen schon den typischen Schneckenburger-Stil?
Ich glaube, dass es wahnsinnig schwierig ist und viel Zeit braucht, eine filmische Handschrift zu entwickeln. Und es ist eine Frage, die auf eine Art eigentlich das Publikum beantworten muss. Natürlich geht es darum, was ich erzählen will und wie. Und bei all den äußeren Einflüssen muss sich der eigene Stil herauskristallisieren, das ist ein Prozess. Meine Filme behandeln gesellschaftliche und politische Themen, aber immer verbunden mit einer emotionalen Reise meiner Figuren, um so hoffentlich eine emotionale Wucht zu entfalten. Daher spielt immer Sinnlichkeit eine große Rolle, die Zuschauer sollen den Film spüren können. Dadurch ist auch Körperlichkeit eine wichtige Komponente in meinen Filmen, die stark in Bewegung sind, ebenso wie die Figuren. Oft erzähle ich von Träumerinnen, von Kämpfern, die den Status Quo verändern wollen.
Wahrscheinlich versteht man als Filmemacher, wie im echten Leben, vieles auch erst in der Retrospektive.
Genau. Stephen King hat mal gesagt, dass man als Autor immer maximal zwei Themen erzählt. Das war mir vorher nicht klar. Mit Anfang zwanzig legt man sich ja nicht auf „seine“ Themen fest, sondern man legt erst mal los, auf eine Art ist das auch ein unbewusster Prozess. Im Rückblick habe ich festgestellt, dass es bei meinen Filmen immer auch um Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem Zuhause geht. Das sind zwei sehr zentrale Themen.
Dennoch sind Deine Filme nicht nur auf den ersten Blick sehr vielfältig. Wie findest Du den Stoff, den Du verfilmen willst?
Zu Beginn braucht es immer einen Funken, dieser kommt oft von außen, gerade in Bezug auf Thematik, Branche, Milieu. Es gibt so viel, was zu erzählen sich lohnt. Ich liebe die Recherche, das Eintauchen in unterschiedliche Welten, die Gespräche mit Menschen, die Experten sind auf ihrem Gebiet. Das ist ein riesiges Privileg und eines der Dinge, die ich am meisten liebe an meinem Job. Und dann braucht es aber zwingend den inneren Funken, irgendetwas daran muss mit mir zu tun haben. Und diese Geschichte möchte ich dann erzählen.
Von welchem Kino träumst Du und zu welchem Kino trägst Du bei?
Ich möchte mit meiner Arbeit gerne das fortsetzen, was ich die vergangenen Jahre schon an filmischer Handschrift entwickelt habe. In Deutschland haben wir auf der einen Seite den Unterhaltungsfilm und auf der anderen den anspruchsvollen Film. Und ich wünsche mir, dass der anspruchsvolle Film mehr Unterhaltung zulässt und der Unterhaltungsfilm mehr Anspruch bietet. Im europäischen Arthouse-Kino gibt es diese Filme, etwa die des Norwegers Joachim Trier, die einfach Bock machen zu schauen und trotzdem eine Tiefenebene haben und dadurch Sichtbarkeit schaffen für unterschiedliche Thematiken. Ich träume davon, dass ich weiter solche Filme machen darf, in denen die Zuschauer in die Haut einer Figur schlüpfen, die vielleicht weit weg ist von ihrer Lebensrealität und dass sie dadurch neue Perspektiven bekommen. Und dass das hoffentlich Empathie fördert. In der heutigen Zeit ist es so wichtig, dass wir uns aus unseren Blasen herausbewegen. Das kann Kino schaffen. Und das möchte ich auch mit meinen Filmen erreichen.
Warum lohnt es sich, ins Kino zu gehen?
Auch meine Aufmerksamkeitsspanne hat aufgrund der Sozialen Medien in den vergangenen Jahren nachgelassen. Umso mehr liebe ich das Kino: Es ist ein geschlossener, dunkler Raum, das Handy ist im Flugmodus und ich tauche komplett in die filmische Welt ein und bin nur darauf konzentriert. Ich halte diese Orte des gemeinsamen Schauens, im besten Fall mit einem Austausch nach dem Film, für sehr wichtig und wünsche mir, dass das Kino als dieser Ort bestehen bleibt. Dafür braucht es Filme, die die Menschen gerne im Kino sehen wollen.
Ich habe dann in mich hineingehört und mir wurde klar, wie krass ich die Schwarzwälder Natur vermisst habe, gerade auch fürs Trailrunning. Simon Schneckenburger
Du hast für „Am Tag die Sterne“ bereits den Deutschen Nachwuchsfilmpreis gewonnen und Deine Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg „Skin on Skin“ ist auch schon vielfach ausgezeichnet. Wie wichtig sind solche Preise?
Sie helfen sehr, auf verschiedenen Ebenen. Die Zeit an der Filmakademie war sehr intensiv, natürlich herrscht auch große Konkurrenz. Ich hatte aber das große Glück, dort wie schon bei meinem vorherigen Studium in Offenburg neue Leute gefunden zu haben, mit denen ich alle drei Filme an der Filmakademie gemacht habe, da ist ein großes Vertrauen erwachsen. Preise helfen gegen die Selbstzweifel, die im Kreativbereich eigentlich immer ein Begleiter sind. Und sie sorgen für Sichtbarkeit und öffnen Türen. Wir sind die letzten Monate mit „Skin on Skin“ um die Welt gereist und zum ersten Mal kann ich vom Filmemachen leben. Das fühlt sich etwas absurd an, weil ich schon mehr als mein halbes Leben lang Filme drehe.
Welche Assoziationen löst der Schwarzwald aus bei den Menschen, die Du unterwegs triffst?
Ich kommuniziere gerne, dass ich aus dem Schwarzwald komme. Die Filmwelt ist eine intellektuelle Branche, oftmals auf Berlin fokussiert. Demgegenüber scheint der Schwarzwald eher Provinz zu sein. Aber für mich schließt sich das nicht aus. Es ist total schön, hier in der Region aufgewachsen zu sein und ich komme auch nicht aus einem Künstlerhaushalt, Filme haben bei uns zu Hause keine große Rolle gespielt. Ich ziehe schon immer große Inspiration aus der Region, die als Black Forest auch weltweit einen guten Ruf hat.
Du bist also nach dem Ende Deines Studiums bewusst wieder nach Freiburg zurückgekommen?
Ja, ich war erschöpft von den sechs Jahren Studium und habe mich gefragt, was ich am meisten vermisse und jetzt eigentlich bräuchte. Zunächst wusste ich nicht, wohin mit mir. Ich habe dann in mich hineingehört und mir wurde klar, wie krass ich die Schwarzwälder Natur vermisst habe, gerade auch fürs Trailrunning. Ich liebe es, dass ich in Freiburg alles zu Fuß erledigen kann und spüre in der Stadt eine Geborgenheit, die mir guttut.
Wie erlebst Du den Schwarzwald als Drehort?
Orte spielen in meinen Geschichten immer eine sehr wichtige Rolle, ich denke und schreibe sehr visuell. Da hilft es, wenn man vieles aus eigener Anschauung kennt. Viele meiner Filme wurden im Dreisamtal gedreht oder sind im Schwarzwald verortet. Selbst „Borzaya“, mein Zweitjahresfilm an der Filmakademie, der im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet spielt, wurde aufgrund der Corona-Pandemie im Schwarzwald realisiert. Oder ich habe mit „Ich glaube, es geht ans Ende der Welt“ einen Film über meinen Großonkel Emil gemacht, der eigentlich Priester werden wollte, dann im Dritten Reich aber für den Reichsarbeitsdienst eingezogen und später nach Russland geschickt wurde – in den mehr als 500 Briefen, die ich gefunden habe und die die Basis für den Film sind, äußert er stets sein Heimweh und wir haben versucht, dieses Gefühl an vielen unterschiedlichen Orten im Schwarzwald einzufangen.
Welche Rolle spielen Institutionen wie die Filmkommission Freiburg/Schwarzwald?
Als Filmschaffender ist es wichtig zu spüren, dass man wahrgenommen und gefördert wird und Hilfe bekommt, etwa beim Location-Scouting. Und dass man eben vielleicht nicht zwingend in eine der großen Medienstädte ziehen muss. Institutionen wie die Filmkommission Freiburg/Schwarzwald belegen, dass man verstanden hat, dass es eine Strahlkraft haben kann, wenn Filme hier in der Region spielen oder hier entstehen. Das ist neben allem Kreativen auch ein Wirtschaftsfaktor.
Zur Person:
Simon Schneckenburger, 1990 geboren und im „Dorfurlaub“-Ort Kirchzarten aufgewachsen, ist gern in Bewegung, genauso wie seine Filme. Mit seinem aktuellen Werk „Skin on Skin“ war er für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert und tourte über Filmfestivals von Europa, USA und Mexiko bis Asien; ausgezeichnet wurde der 30-Minüter, der berührend von zwei Männern erzählt, die sich im brutalen Umfeld eines Schlachthofs ineinander verlieben, u.a. beim Karlovy Vary International Film Festival (das Festival im tschechischen Karlsbad gehört zu den 13 führenden Filmfestivals weltweit), beim Busan International Short Film Festival (Südkorea), bei der Alpinale (Österreich) und beim renommierten Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Im November 2025 durfte Schneckenburger im Rahmen eines Stipendiums nach Los Angeles reisen und Hollywood-Einblicke sammeln.
Über seine Anfänge sagt er einen wunderbaren Satz: „Ich glaube, dass jeder Mensch eine Leidenschaft oder ein Talent hat, das in einem schlummert und manchmal braucht es dann einfach Begegnungen oder einen Funken, um diese zu entfesseln.“ Bei ihm war es sein Schulfreund Marcus Hafner, mit dem er nicht nur Filme schaute, sondern auch anfing, im heimischen Dreisamtal selbst welche zu drehen. Premieren im Klassen-Kosmos, erste Erfolge beim Video-Slam in der Freiburger Mensa, Studium der Mediengestaltung und Produktion an der Medienhochschule Offenburg (bei dem ihm klar wurde, doch nicht Kameramann, sondern Regisseur werden zu wollen) und schließlich von 2018 bis 2024 das Studium in szenischer Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg.
Schneckenburger bündelt seine riesengroße Liebe für Musik, Geschichtenerzählen und Literatur auch in seinen neuen Projekten: Er schreibt aktuell das Drehbuch für seinen ersten Kinofilm „The Dark, Dark Bright“ (Drehbeginn voraussichtlich 2027), der von einer Band, einer Freundschaft und den Belastungen einer psychischen Erkrankung erzählt, „ein sehr persönlicher Stoff“, sagt er dazu. Auch seine Miniserie „How to Hack a Lobster Farm“ soll teils im Schwarzwald angesiedelt sein (je nachdem, welche Sender die Projekte unterstützen, könnte sich das noch ändern). Alle Infos zum Regisseur unter www.simon-schneckenburger.de
Was den Schwarzwald als Drehort auszeichnet und welche Rolle die "Film Commission Freiburg Schwarzwald" dabei spielt, ist hier zu lesen.
Text: Michael Gilg
Fotos: Nico Schrenk, Marcus Hafner, Marius Hoch-Geugelin, Torben Hensel, Fabian Linder
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