Die Antworten liefert die digitale Forensik. Sie ist ein zentraler Bestandteil eines professionellen Incident Response und hilft dabei, Angriffe systematisch zu rekonstruieren, Beweise zu sichern und wirksame Maßnahmen für die Zukunft abzuleiten.
Im Interview erklärt Thomas Ringhof, wie forensische Analysen in der Praxis ablaufen, welche Fehler Unternehmen im Ernstfall vermeiden sollten und warum eine erfolgreiche Incident Response weit über die reine Schadensbegrenzung hinausgeht.
Das Wichtigste in Kürze
- Digitale Forensik ist ein zentraler Bestandteil des Incident Response. Sie hilft dabei, Angriffe nicht nur einzudämmen, sondern deren Ursache, Verlauf und Auswirkungen vollständig nachzuvollziehen.
- Sicherheitsvorfälle nehmen spürbar zu. r-tec, Teil der accompio Unternehmensgruppe, bearbeitete 2024 rund 80 Sicherheitsvorfälle. 2025 lag die Zahl bereits bei über 130 Fällen im Jahr.
- Je besser die Spurenlage, desto fundierter die Analyse. Logs, Speicherabbilder, Netzwerkdaten und Endpunkte liefern die Grundlage, um den Angriffsverlauf zu rekonstruieren und belastbare Entscheidungen zu treffen.
- Forensische Erkenntnisse bilden die Basis für nachhaltige Sicherheitsmaßnahmen. Erst wenn Initial Access, Ausbreitung und Persistenzmechanismen verstanden sind, lassen sich wirksame Gegenmaßnahmen ableiten.
- Zeitdruck darf die Beweissicherung nicht gefährden. Eine strukturierte Vorgehensweise stellt sicher, dass wichtige Informationen erhalten bleiben und sich auch später noch auswerten lassen.
- Cyber Kill Chain und MITRE ATT&CK® Framework helfen Incident-Response-Teams, Angriffe systematisch einzuordnen, Taktiken und Techniken von Angreifern besser zu verstehen und die eigenen Detection-Mechanismen gezielt weiterzuentwickeln.
Was ist digitale Forensik?
Digitale Forensik bezeichnet die systematische Untersuchung digitaler Spuren nach einem Sicherheitsvorfall. Forensiker sichern Logdateien, Speicherabbilder, Netzwerkdaten und weitere Artefakte, um den Ablauf eines Angriffs lückenlos zu rekonstruieren.
Im Unterschied zu einem klassischen Schwachstellenscan untersucht digitale Forensik einen bereits eingetretenen Vorfall: Wie ist der Angreifer eingedrungen, welche Systeme hat er kompromittiert und welche Daten waren betroffen?
Digitale Forensik liefert damit die belastbare Faktenbasis für jede weitere Entscheidung im Incident Response, von der Eindämmung bis zur Meldung an Behörden oder Versicherungen.
Forensik beginnt dort, wo Vermutungen enden
Nach einem Sicherheitsvorfall steht zunächst die Eindämmung des Angriffs im Fokus. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Frage, wie es überhaupt zu dem Incident kommen konnte.
Genau an diesem Punkt setzt die digitale Forensik an. Sie rekonstruiert den Ablauf eines Angriffs, identifiziert den Einstiegspunkt und macht nachvollziehbar, welche Systeme betroffen waren und welche Aktivitäten der Angreifer durchgeführt hat.
Damit liefert sie die Grundlage für fundierte Entscheidungen sowohl während der Incident Response als auch für die langfristige Verbesserung der Sicherheitsstrategie.
Spuren sichern, bevor sie verloren gehen
Jeder Cyberangriff hinterlässt digitale Spuren. Dazu gehören unter anderem Logdateien, Speicherabbilder (Memory Dumps), Netzwerkdaten oder Artefakte auf Endgeräten.
Je früher Verantwortliche diese Informationen sichern, desto vollständiger lässt sich der Angriffsverlauf rekonstruieren. Gleichzeitig ist eine saubere Beweissicherung entscheidend, um Daten nicht unbeabsichtigt zu verändern oder wichtige Hinweise zu verlieren.
Eine strukturierte Datensicherung gehört deshalb zu den wichtigsten Aufgaben in den ersten Stunden eines Incidents.
Den Angriffsverlauf systematisch rekonstruieren
Ein einzelnes Logfile beantwortet selten alle Fragen. Erst die Kombination verschiedener Datenquellen ermöglicht es, den gesamten Angriffsweg vom Initial Access über die laterale Bewegung bis hin zu Persistenzmechanismen oder einer möglichen Datenexfiltration nachzuvollziehen .
Methodische Modelle und Frameworks wie die Cyber Kill Chain oder das MITRE ATT&CK® Framework unterstützen dabei, einzelne Aktivitäten in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen und typische Angriffsmuster zu erkennen.
Von der Analyse zu konkreten Maßnahmen
Die gewonnenen Erkenntnisse aus der digitalen Forensik fließen direkt in technische und organisatorische Verbesserungen ein. Dazu gehören beispielsweise die Anpassung von Detection-Regeln, die Härtung betroffener Systeme, Verbesserungen im Identitäts- und Berechtigungsmanagement oder Optimierungen bestehender Incident-Response-Prozesse.
Ziel ist es, den aktuellen Vorfall zu bewältigen und ähnliche Angriffe künftig frühzeitig zu erkennen oder ganz zu verhindern.
„Ein Incident ist erst dann wirklich abgeschlossen, wenn wir nachvollziehen können, wie der Angreifer vorgegangen ist – alles andere bleibt Spekulation.“
— Thomas Ringhof, digitaler Forensiker bei r-tec (Teil der accompio-Gruppe)
Die größten Herausforderungen in der Praxis
In vielen Incident-Response-Einsätzen fehlen genau die Informationen, die eine vollständige Analyse braucht.
Nicht aktivierte Protokollierungen, zu kurze Aufbewahrungszeiten oder unvollständige Daten erschweren die Rekonstruktion erheblich. Gleichzeitig müssen Incident-Response-Teams unter hohem Zeitdruck arbeiten und zwischen schneller Reaktion und sorgfältiger Analyse abwägen.
Eine gute Vorbereitung entscheidet deshalb oft darüber, wie erfolgreich eine spätere forensische Untersuchung verläuft.
Welche Rolle spielen KI und Automatisierung?
Automatisierung und künstliche Intelligenz unterstützen forensische Analysen zunehmend bei der Auswertung großer Datenmengen und beim Erkennen auffälliger Muster.
Die eigentliche Bewertung eines Angriffs bleibt jedoch auch künftig eine Aufgabe erfahrener Experten. Gerade komplexe Angriffsszenarien erfordern Kontextwissen, Erfahrung und die Fähigkeit, technische Erkenntnisse in konkrete Handlungsempfehlungen zu übersetzen.
Mit digitaler Forensik erhalten Sie Klarheit nach einem Cyberangriff
accompio analysiert die Angriffsmuster und Schwachstellen in Ihrer IT-Infrastruktur, damit sich ein Vorfall nicht wiederholt.
Fazit: Wer den Angriff versteht, verhindert ihn dauerhaft
Incident Response endet nicht mit der Wiederherstellung des Geschäftsbetriebs. Erst wenn Unternehmen nachvollziehen, wie ein Angreifer vorgegangen ist, welche Schwachstellen er ausgenutzt hat und welche Spuren der Angriff hinterlassen hat, lassen sich wirksame Schutzmaßnahmen ableiten.
Digitale Forensik liefert genau dieses Verständnis und schafft damit die Grundlage für eine resilientere Sicherheitsstrategie.
Über den Autor
Thomas Ringhof ist Incident Responder und digitaler Forensiker bei r-tec (Teil der accompio Gruppe) und begleitet Unternehmen bei der forensischen Aufklärung von Sicherheitsvorfällen.
FAQ: Häufige Fragen zur digitalen Forensik im Incident Response
Was ist digitale Forensik im Incident Response?
Digitale Forensik ist die systematische Analyse eines Cyberangriffs. Ziel ist es, digitale Spuren zu sichern, den Angriffsverlauf zu rekonstruieren und belastbare Erkenntnisse über Ursache, Auswirkungen und Vorgehensweise des Angreifers zu gewinnen. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil eines professionellen Incident Response.
Was ist der Unterschied zwischen Incident Response und digitaler Forensik?
Incident Response umfasst alle Maßnahmen zur Erkennung, Eindämmung und Behebung eines Sicherheitsvorfalls. Die digitale Forensik konzentriert sich darauf, Beweise zu sichern, den Angriff technisch zu analysieren und den Ablauf vollständig nachzuvollziehen. Beide Disziplinen ergänzen sich und sind eng miteinander verbunden.
Welche Daten sollten nach einem Cyberangriff gesichert werden?
Besonders wichtig sind Logdateien, Speicherabbilder (Memory Dumps), Netzwerkdaten, Endpunktinformationen, Authentifizierungsprotokolle sowie Artefakte auf betroffenen Systemen. Je vollständiger diese Daten vorliegen, desto besser lässt sich der Angriff rekonstruieren.
Warum ist eine schnelle Beweissicherung so wichtig?
Viele digitale Spuren verändern sich innerhalb kurzer Zeit oder gehen durch Neustarts, Systemänderungen oder Bereinigungsmaßnahmen verloren. Eine frühzeitige Sicherung relevanter Daten erhöht die Wahrscheinlichkeit, den Angriffsverlauf vollständig nachzuvollziehen.
Wie wird ein Cyberangriff forensisch analysiert?
Die Analyse beginnt mit der Sicherung relevanter Datenquellen. Anschließend ordnen Forensiker Ereignisse zeitlich ein, identifizieren Angriffstechniken und rekonstruieren den gesamten Angriffsweg. Frameworks wie die Cyber Kill Chain oder das MITRE ATT&CK® Framework helfen dabei, die beobachteten Aktivitäten systematisch zu klassifizieren.
Was ist ein Memory Dump und warum ist er wichtig?
Ein Memory Dump ist eine Momentaufnahme des Arbeitsspeichers eines Systems. Er enthält häufig Hinweise auf laufende Prozesse, Schadsoftware, Netzwerkverbindungen oder Verschlüsselungsschlüssel und liefert oft Informationen, die in Logdateien nicht mehr vorhanden sind.
Wie erkennt man, ob sich Angreifer noch im Netzwerk befinden?
Forensische Analysten prüfen unter anderem aktive Prozesse, Netzwerkverbindungen, Persistenzmechanismen, Benutzerkonten und ungewöhnliche Aktivitäten. Ziel ist es festzustellen, ob der Angreifer weiterhin Zugriff auf Systeme besitzt oder das Team ihn bereits vollständig entfernt hat.
Welche Rolle spielt das MITRE ATT&CK® Framework?
MITRE ATT&CK beschreibt bekannte Angriffstechniken und Taktiken in einem strukturierten Modell. Incident-Response- und Forensik-Teams nutzen das Framework, um Angriffe systematisch einzuordnen, Detection-Regeln zu verbessern und Sicherheitsmaßnahmen gezielt weiterzuentwickeln.
Kann künstliche Intelligenz die digitale Forensik ersetzen?
Nein. KI analysiert große Datenmengen, erkennt Auffälligkeiten und unterstützt Experten bei der Auswertung. Die Bewertung komplexer Angriffsszenarien sowie die Ableitung geeigneter Maßnahmen erfordern jedoch weiterhin die Erfahrung spezialisierter Incident-Response- und Forensik-Experten.
Wie können sich Unternehmen auf einen forensischen Ernstfall vorbereiten?
Unternehmen sollten eine umfassende Protokollierung sicherstellen, Logdaten ausreichend lange aufbewahren, Incident-Response-Prozesse definieren, Verantwortlichkeiten festlegen und regelmäßig Übungen oder Angriffssimulationen durchführen. Eine gute Vorbereitung verbessert die Qualität forensischer Analysen erheblich und verkürzt die Reaktionszeit im Ernstfall.
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