Verhaltensmanipulation durch Parasiten

Es ist ein kühler Sommerabend.Während ihre Nestgenossinnen längst auf dem Heimweg sind, verlässt eine einzelne Waldameise plötzlich den vertrauten Ameisenpfad. Zielstrebig läuft sie auf einen Grashalm zu. Zentimeter für Zentimeter klettert sie nach oben. An der Spitze angekommen öffnet sie ihre Mundwerkzeuge, beißt sich fest – und bleibt regungslos hängen. Die ganze Nacht.

Erst mit den ersten Sonnenstrahlen löst sie ihren Griff wieder und kehrt ins Nest zurück, als wäre nichts geschehen. Ist sie krank? Nicht im klassischen Sinn. Sie wird gesteuert. Nicht von einem Pilz. Nicht von einem Virus. Sondern von einem Wurm, der kaum einen Zentimeter lang wird. Willkommen in der erstaunlichen Welt des kleinen Leberegels (Dicrocoelium dendriticum).

Parasiten besitzen einen schlechten Ruf. Verständlicherweise. Schließlich leben sie auf Kosten anderer Organismen. Doch schaut man genauer hin, entdeckt man Systeme von verblüffender Raffinesse. Manche Parasiten benötigen nur einen einzigen Wirt. Andere müssen im Laufe ihres Lebens gleich mehrere Tierarten durchlaufen, um ihr nächstes Entwicklungsstadium zu erreichen oder sich fortzupflanzen. Der Organismus, in dem schließlich die Fortpflanzung stattfindet, wird Endwirt genannt. Alle vorherigen Stationen bezeichnet man als Zwischenwirte. Mit jedem weiteren Wirt steigt die Herausforderung. Schließlich muss der Parasit seinen nächsten “Reisepartner” überhaupt erst einmal erreichen.

Und genau hier beginnt die eigentliche Meisterleistung der Evolution. Manche Parasiten warten nicht einfach darauf, zufällig gefressen zu werden. Sie erhöhen ihre Chancen aktiv – indem sie das Verhalten ihres Wirtes verändern. Ich spreche von Verhaltensmanipulation. Das klingt zunächst nach Science-Fiction, ist aber biologische Realität. Und obwohl viele Menschen dabei sofort an Horrorfilme denken, möchte ich den Blick bewusst auf etwas anderes lenken: auf die erstaunliche Eleganz dieses Systems. Denn so unerquicklich Parasiten für ihre Wirte auch sein mögen – ihre Strategien sind ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie kreativ Evolution sein kann.

Ein Wurm als Regisseur

Der kleine Leberegel gehört zu den sogenannten Saugwürmern (Trematoden). Mit einer Körperlänge von meist weniger als einem Zentimeter wirkt er ausgesprochen unscheinbar. Wer ihn zum ersten Mal unter dem Mikroskop betrachtet, würde nicht vermuten, dass dieses Tier zu den faszinierendsten Verhaltensmanipulatoren der Natur gehört.

Schon während meines Biologiestudiums gehörte sein Lebenszyklus zu den Beispielen, die jeder Studierende kannte. Und obwohl wir ihn seit Jahrzehnten beschreiben können, gibt es bis heute Fragen, auf die selbst die Forschung noch keine endgültige Antwort gefunden hat. Mich fasziniert daran vor allem eines: Dieser winzige Wurm scheint seine Wirte wie ein Regisseur auf einer Bühne zu dirigieren. Jeder hat seine Rolle. Jeder seinen Einsatz. Die Ameise ist dabei keineswegs das eigentliche Ziel. Sie ist ein kostenloses Taxi mit eingebautem Navigationssystem. Für sie endet die Reise tödlich. Für den Parasiten beginnt hier erst der entscheidende Akt.

Eine Reise mit drei Stationen

Bevor wir der Ameise beim nächtlichen Klettern zuschauen können, müssen wir einen Schritt zurückgehen. Denn dieser Wurm denkt in deutlich größeren Zusammenhängen.Sein Lebenszyklus umfasst drei verschiedene Wirte. Erst wenn alle drei erfolgreich durchlaufen wurden, kann sich der Parasit vermehren. Man könnte sagen: Der kleine Leberegel dirigiert ein biologisches Orchester.  Schnecke, Ameise und Pflanzenfresser spielen dabei jeweils ihre ganz eigene Rolle.

Beginnen wir beim Schaf – stellvertretend für verschiedene Pflanzenfresser wie Schafe, Rinder oder Wildwiederkäuer. Hat der kleine Leberegel seinen Endwirt erreicht, lebt er in den Gallengängen der Leber. Dort wird er geschlechtsreif und produziert enorme Mengen an Eiern. Mit dem Kot gelangen diese wieder in die Umwelt.

Jetzt betritt der erste Zwischenwirt die Bühne: eine Landschnecke. Beim Fressen nimmt sie die Eier unbemerkt auf. Im Inneren der Schnecke schlüpfen daraus Larven, die sich ungeschlechtlich vermehren. Aus einer einzigen aufgenommenen Larve entstehen schließlich zahlreiche Zerkarien – bewegliche Schwanzlarven, die den Körper der Schnecke wieder verlassen müssen.

Doch sie kriechen nicht einfach davon. Die Schnecke verpackt sie in kleine Schleimballen und scheidet diese aus. Für uns wirken diese Schleimkügelchen eher unappetitlich. Für Ameisen dagegen sind sie ein proteinreicher Snack. Und genau darauf hat der Parasit gesetzt. Mit dem Fressen eines solchen Schleimballens übernimmt die Ameise unwissentlich die nächste Rolle in  diesem biologischen Schauspiel.

Die Ameise – mehr als nur ein Zwischenstopp

Frisst eine Ameise einen dieser Schleimballen, beginnt für mich als “ant fanatic“ der vielleicht spannendste Abschnitt seines Lebenszyklus. Die aufgenommenen Zerkarien gelangen zunächst in den Sozialmagen der Ameise und durchdringen anschließend die Wand dieses Organs. Von dort aus verteilen sie sich im Körper – allerdings nicht alle mit demselben Ziel. Die überwiegende Mehrheit wandert in den Hinterleib, genauer gesagt in das Abdomen. Dort kapseln sich die Larven ein und bilden eine widerstandsfähige Schutzhülle. In diesem Entwicklungsstadium werden sie Metazerkarien genannt. Sie verfallen gewissermaßen in einen biologischen Wartemodus und verweilen dort geduldig bis ihre Ameise irgendwann von einem geeigneten Pflanzenfresser aufgenommen wird.

Doch eine einzige Larve entscheidet sich für einen anderen Weg. Sie wandert in den Kopf der Ameise und siedelt sich im Bereich des Unterschlundganglions an – einem wichtigen Nervenzentrum, das unter anderem die Bewegungen der Mundwerkzeuge steuert. Obwohl Ameisen kein Gehirn im eigentlichen Sinn besitzen, hat sich für diese Larve ein Begriff eingebürgert, der ihre Wirkung treffend beschreibt: der Hirnwurm. Ein wissenschaftlich klingender Fachbegriff ist das nicht – aber einer, den man nach diesem Artikel vermutlich nicht mehr vergisst.

Wenn die Ameise zur Marionette wird

Zunächst passiert … nichts. Wochenlang lebt die Ameise scheinbar völlig normal. Sie beteiligt sich an der Brutpflege, sammelt Nahrung oder verteidigt das Nest – ganz wie ihre Nestgenossinnen. Erst etwa drei bis vier Wochen nach der Infektion beginnt das eigentliche Schauspiel. Mit den sinkenden Temperaturen am Abend verlässt die Ameise plötzlich die Kolonie. Statt den gewohnten Ameisen-straßen zu folgen, sucht sie gezielt einen Grashalm oder eine andere geeignete Pflanze auf. Sie klettert nach oben. Immer weiter. Bis sie schließlich die Spitze erreicht. Dort öffnet sie ihre Mundwerkzeuge und beißt sich fest. Nicht locker. Nicht vorsichtig. Sondern mit einer Kraft, die selbst dann anhält, wenn die Ameise gestört oder berührt wird. Ihre Mandibeln verkrampfen regelrecht – ein Beißkrampf, aus dem sie sich zunächst nicht mehr lösen kann.

Man könnte sagen: Die Ameise folgt weiterhin ihrem ganz normalen Tagesablauf – nur mit einem zusätzlichen Programmpunkt.Während sie regungslos am Grashalm hängt, wird sie plötzlich für grasende Tiere erreichbar. Genau das ist der Plan. Sobald am nächsten Morgen die Sonne aufgeht und die Temperaturen steigen, löst sich der Krampf wieder. Die Ameise lässt los, steigt vom Grashalm herab und kehrt ins Nest zurück. Als wäre nichts geschehen. Dieses Verhalten kann sich über viele Tage, manchmal sogar Wochen, Abend für Abend wiederholen.

Je häufiger die Ameise an einer gut erreichbaren Stelle verharrt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie gemeinsam mit einem Grashalm von einem Pflanzenfresser aufgenommen wird. Man könnte versucht sein zu glauben, der Hirnwurm steuere jede Bewegung der Ameise. Doch genau das ist nicht der Fall. Er verändert nicht ihr gesamtes Verhalten. Er fügt ihrem Tagesablauf lediglich einen zusätzlichen Baustein hinzu – und genau dieser kleine Eingriff genügt, um den gesamten Lebenszyklus des Parasiten entscheidend voranzubringen.

Zwei Strategien – ein gemeinsames Ziel

Spannend wird es, wenn man einen Blick ins Innere der Ameise wirft. Denn dort verfolgen die Parasiten zwei völlig unterschiedliche Strategien. Die Metazerkarien im Hinterleib besitzen eine schützende Zystenhülle. Sie sind hervorragend gegen die Verdauung im Endwirt geschützt. Gelangen sie mit der Ameise in den Darm eines Schafes oder Wildwiederkäuers, überstehen sie diesen Abschnitt nahezu unbeschadet. Anschließend wandern sie in die Gallengänge und entwickeln sich dort zu geschlechtsreifen Leberegeln. Der Hirnwurm dagegen besitzt keine solche Schutzhülle. Alles spricht dafür, dass er im Verdauungstrakt des Endwirts zugrunde geht. Er wird sich niemals selbst fortpflanzen. Er opfert sich. Und genau das macht dieses System so faszinierend.

Evolution mit Familienstrategie

Warum sollte sich Evolution eine Larve leisten, die ihre eigene Fortpflanzung aufgibt? Die Antwort liegt vermutlich in einem Prinzip, das der Evolutionsbiologe William D. Hamilton bereits in den 1960er-Jahren beschrieben hat: der Verwandtenselektion. Die zahlreichen Larven innerhalb einer Ameise stammen aus derselben Ausgangslarve in der Schnecke. Sie sind genetisch identisch oder zumindest sehr eng miteinander verwandt. Der Hirnwurm erhöht durch seine Manipulation die Wahrscheinlichkeit, dass seine Geschwister im Abdomen den Endwirt erreichen. Er selbst wird dabei geopfert. Seine Gene jedoch nicht. Sie gelangen über seine Verwandten in die nächste Generation.

Dieses Prinzip kennen wir erstaunlicherweise bereits von den Ameisen selbst. Auch Arbeiterinnen pflanzen sich in der Regel nicht fort. Stattdessen investieren sie ihre gesamte Energie in die Aufzucht der Nachkommen ihrer Königin – und damit indirekt in die Weitergabe ihrer eigenen Gene. Im Körper der Ameise scheint sich dieses Prinzip auf verblüffende Weise zu wiederholen.

Fast könnte man von einer Arbeitsteilung auf Ebene des Parasits sprechen:

  • Die Metazerkarien – sind die reproduktive Kaste.
  • Der Hirnwurm – ist die manipulative Kaste.

Richard Dawkins hätte den Hirnwurm vermutlich als evolutionären Verlierer betrachtet. Und doch greift diese Sicht zu kurz. Denn Evolution bewertet nicht den Erfolg eines einzelnen Individuums. Sie bewertet den Erfolg von Genen. Und unter diesem Blickwinkel verliert der Hirnwurm zwar sein eigenes Leben. Das Spiel gewinnt er trotzdem – nur eben für sein Team.

Offene Fragen – und aktuelle Forschung

So beeindruckend dieser Lebenszyklus auch ist – an einer entscheidenden Stelle endet unser Wissen überraschend abrupt. Denn obwohl sich im Körper einer Ameise zahlreiche genetisch nahezu identische Larven befinden, übernimmt nur eine einzige die Rolle des Hirnwurms. Warum ausgerechnet sie? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Diese Frage beschäftigt Parasitologen weltweit. Auch an der Humboldt-Universität zu Berlin wird gemeinsam mit weiteren Forschungseinrichtungen daran gearbeitet, die Mechanismen hinter dieser außergewöhnlichen Arbeitsteilung besser zu verstehen.Diskutiert werden verschiedene Möglichkeiten. Vielleicht entscheidet bereits die Position der Larve innerhalb der Ameise über ihren weiteren Lebensweg. Vielleicht tauschen die Parasiten chemische Signale aus und “verhandeln” gewissermaßen ihre Rollen. Ebenso denkbar ist, dass der Organismus der Ameise selbst Einfluss auf diese Entwicklung nimmt. Und natürlich bleibt auch die Möglichkeit, dass Konkurrenz und Zufall eine größere Rolle spielen, als wir bislang vermuten.

Im Moment gibt es darauf keine abschließende Antwort. Und genau das macht dieses System so spannend. Denn obwohl wir den Lebenszyklus des kleinen Leberegels seit mehreren Jahrzenten beschreiben können, hält er noch immer Geheimnisse bereit. Ich finde, das ist eine wunderbare Erinnerung daran, dass Biologie keine Sammlung fertiger Antworten ist. Sie ist eine Wissenschaft voller offener Fragen.

Was bedeutet das für unsere Ameisen?

Für Ameisenfachkundige sich natürlich sofort die nächste Frage: Sind alle Ameisnearten gleichermaßen von diesem Parasiten betroffen? Die Antwort lautet: Nein. In der Literatur werden als zweiter Zwischenwirt häufig Ameisen der Gattung Formica, zu der auch unsere hügelbauenden Waldameisen gehören beschrieben. Besonders häufig wurden Arten der Serviformica-Gruppe sowie Vertreter der Formica-rufa-Gruppe nachgewiesen.

Bei der Fortführung seiner Forschungsarbeit haben wir gemeinsam mit Prof. Dr. Richard Lucius ade versucht erneut an infizierte Ameisenpopulationen zu gelangen und somit in der Haltung signifikante Ergebnisse zu erzielen. Leider noch nicht mit dem gewünschtem Erfolgt – oder zum Glück für die Ameisen, je nachdem welchen Blickwinkel man einnimmt. Scheinbar verfügen einzelne Ameisenarten über Strukturen des intertestinalen Verdauungssystem, die einen Übergang ins Abdomen erschweren. In einzelnen Arbeiten konnten auch Caponotus-Arten als Zwischenwirt indentifiziert werden. Myrmecinen und Ponerinen fallen unserer Auffassung aus dem Raster, da Ihnen der Sozialmagen fehlt.

Ebenso entscheidend wie die Ameisenart ist auch der Lebensraum. Denn der kleine Leberegel benötigt einen Ort, an dem alle drei Wirte gleichzeitig vorkommen:

  • geeignete Landschnecken,
  • die passende Ameisenart,
  • und weidende Pflanzenfresser wie Schafe, Rinder oder Wildwiederkäuer.

Solche Bedingungen finden sich vor allem in Trockenrasen, extensiv beweideten Wiesen und lichten Offenlandschaften. In geschlossenen Wäldern ist das Risiko einer Infektion deutlich geringer. An Waldrändern, auf Lichtungen oder in angrenzenden Weidegebieten können die Lebenszyklen jedoch durchaus vollständig ablaufen.

Für die einzelne Ameise endet eine Infektion meist tödlich. Für die Kolonie dagegen scheint der Schaden erstaunlich gering zu sein. Nach heutigem Kenntnisstand betrifft der Parasit in der Regel nur einzelne Arbeiterinnen. Das soziale Gefüge eines Ameisenvolkes bleibt dadurch weitgehend erhalten. Vielleicht ist auch das eine bemerkenswerte Erkenntnis: Selbst ein Parasit, der das Verhalten eines einzelnen Tieres vollständig verändern kann, bringt noch lange kein ganzes Ameisenvolk aus dem Gleichgewicht.

Fazit – Kleine Ursache, großes Evolutionsdrama

Wenn wir an Parasiten denken, verbinden wir sie oft mit Krankheit, Schaden oder Ekel. Der kleine Leberegel zeigt jedoch noch eine andere Seite. Er offenbart, wie unglaublich präzise Evolution biologische Systeme formen kann.

Eine Landschnecke.

Eine Ameise.

Ein Schaf.

Drei Tierarten, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun haben – und doch Teil eines perfekt aufeinander abgestimmten Lebenszyklus sind. Der Parasit verändert dabei nicht das Wesen der Ameise. Er verändert nur einen einzigen kleinen Baustein ihres Verhaltens. Doch genau dieser eine Eingriff genügt, um die Wahrscheinlichkeit seiner eigenen Weiterverbreitung drastisch zu erhöhen. Je länger ich mich mit diesem Lebenszyklus beschäftige, desto weniger sehe ich darin einen “Horrorfilm der Natur”. Ich sehe vielmehr ein Meisterwerk der Evolution. Nicht, weil man Parasiten sympathisch finden müsste. Sondern weil sie eindrucksvoll zeigen, welche Lösungen die Evolution im Laufe von Millionen Jahren hervorbringen kann. Und vielleicht liegt genau darin die größte Faszination der Natur. Je genauer wir hinschauen, desto unglaublicher werden ihre Geschichten.

Beim nächsten Spaziergang über einen Trockenrasen lohnt sich deshalb ein kurzer Blick auf die Spitzen der Grashalme. Vielleicht entdecken Sie dort eine einzelne Ameise, die sich ungewöhnlich festgebissen hat. Und vielleicht sehen Sie dann nicht nur eine Ameise. Sondern den Hauptdarsteller eines der erstaunlichsten Schauspiele der Evolutionsbiologie.

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