Im Jemen verschulden sich immer mehr Familien, um das Nötigste zu bezahlen

Im Jemen steigt die Zahl der Familien, die sich für Lebensmittel und Medikamente verschulden, um über 40 Prozent. Das legt eine nicht-repräsentative Untersuchung unter Laden- und Apothekenbesitzer*innen nahe, die die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam heute veröffentlicht. Oxfam fordert im Vorfeld der Bekanntgabe des neuen UN-Nothilfeplans für Jemen von den Geberländern die Bereitstellung größerer Finanzmittel, um dem humanitären Bedarf im Land gerecht zu werden.

Seit fast sechs Jahre dauert der Krieg im Jemen schon an, mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Eine aktuelle Untersuchung von Oxfam zeigt, wie Familien in einer Verschuldungsspirale gefangen sind, angewiesen auf das Wohlwollen von Ladenbesitzern, um das Nötigste zu erwerben. Befragt wurden hierfür 30 Besitzer*innen von Lebensmittelgeschäften und Apotheken in verschiedenen Teilen des Landes, bei denen insgesamt rund 2.200 Kund*innen Schulden haben. Den Ladenbesitzer*innen zufolge ist die Zahl der Familien, die sich für den Kauf von Lebensmitteln verschulden, seit der Eskalation des bewaffneten Konflikts im Jahr 2015 um 62 Prozent gestiegen. Apotheker*innen schätzen, dass die Zahl ihrer Kund*innen, die sich für den Kauf von Medikamenten verschulden, um 44 Prozent zugenommen hat.


Der Umfrage zufolge schreiben in Lebensmittelgeschäften Familien am häufigsten für Grundnahrungsmittel wie Brot, Mehl, Zucker, Reis, Hülsenfrüchte und Speiseöl an. In Apotheken werden typischerweise für Medikamente gegen Diabetes, Bluthochdruck, Fieber oder Durchfall Schulden gemacht. Die befragten Ladenbesitzer*innen erklärten, dass sie ihren Kund*innen erlauben, auf Kredit zu kaufen, weil sie Verständnis für ihre großen Schwierigkeiten haben. Doch viele sagten auch, dass diese zunehmend nicht mehr in der Lage seien, die Schulden zu begleichen und dies auch für die Geschäftsinhaber*innen existenzbedrohend werde.

Viele Menschen sind auf Hilfsgelder angewiesen, um Schulden zu begleichen

Ein weiteres Ergebnis: Die Ladenbesitzer*innen geben ihren Kund*innen nur dann Kredit, wenn sie wissen, dass diese ein monatliches Einkommen haben. Viele Familien können ihre Schulden jedoch nur begleichen, weil sie Transferzahlungen erhalten, unter anderem von Hilfsorganisationen. Doch durch die hohe Inflation ist das Geld, das sie erhalten, jeden Monat weniger wert, was das Verschuldungsproblem weiter verschärft.

Im vergangenen Jahr stellten die Geberländer nur die Hälfte der Hilfsgelder zur Verfügung, die für die humanitäre Krise im Jemen benötigt wurden. In Kürze veröffentlichen die Vereinten Nationen ihren Jemen-Nothilfeplan für das Jahr 2021. Angesichts der verzweifelten Lage der Menschen im Jemen fordert Oxfam die internationale Gemeinschaft dringend auf, bei der Bereitstellung von Hilfsgeldern großzügiger zu sein als im vergangenen Jahr.   

Denn wenn die Geschäftsinhaber*innen im Jemen ihren Kund*innen keine Kredite mehr gewähren, wird dies Unterernährung und Hunger im Land verschärfen. Oxfam befürchtet außerdem, dass Ladenbesitzer*innen ihre Vorräte nicht mehr auffüllen können, wenn die Kund*innen ihre Schulden nicht begleichen. Dies würde zusätzlich zu einer Verknappung der Lebensmittel führen und die Preise weiter in die Höhe treiben. 

Zur Unterstützung der Menschen im Jemen ruft Oxfam Deutschland zu Spenden auf:

Kontoverbindung: Oxfam Deutschland e.V. | Bank für Sozialwirtschaft Köln | IBAN: DE87 3702 0500 0008 0905 00 | BIC: BFSWDE33XX | Spendenzweck: Nothilfe Jemen

Online-Spende via: https://www.oxfam.de/donation-form

Ibrahim Alwazir, der die Untersuchung für Oxfam im Jemen durchgeführt hat, erklärt: „Millionen Menschen im Jemen müssen täglich kämpfen, um ihre Familien mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. Dieser Krieg hat mein Land in die größte humanitäre Krise der Welt verwandelt und es wird jeden Tag schlimmer. Wir alle wollen einfach nur zu einem normalen Leben zurückkehren. Doch dafür braucht es endlich Frieden." 

O-Töne aus der Befragung im Jemen:

  • Layla Mansoor (31) und ihre Familie waren vor drei Jahren gezwungen, aus ihrem Haus in einer aktiven Konfliktzone in Al Hodeidah zu fliehen. Sie entkamen mit kaum mehr als den Kleidern, die sie am Leib trugen. Layla sagt, dass sie oft Schulden bei den Geschäften hat, in denen sie ihre Lebensmittel kauft, und dass sie den Besitzern jeden Monat zwischen 10.000 und 12.000 YER (etwa 11 bis 15 US-Dollar) schuldet. Ihre Familie kann es sich nicht leisten, Fleisch oder Fisch zu essen, außer bei seltenen Gelegenheiten. Sie sagt: „Im Moment leben wir in einem Albtraum. Zum Glück haben wir bisher noch keine medizinische Behandlung gebraucht. Aber ich habe Angst, dass wir sie uns nicht leisten können, wenn es eines Tages soweit ist."
  • Hind Qassem (45) war mit ihrem zehnten Kind schwanger, als ihr Mann durch eine Artilleriegranate getötet wurde und sie gezwungen war, mit ihren Kindern zu fliehen.  Zunächst lebten sie unter einer Plastikplane und ernährten sich von Essensresten, die sie von benachbarten Familien erhielten. Drei ihrer Söhne leiden an Sichelzellenanämie und brauchen jeden Monat Bluttransfusionen. Sie sagt: „Jetzt erhalte ich jeden Monat 45.000 YER (ca. 70 US-Dollar), ja, es ist nicht genug, um alle unsere Bedürfnisse zu decken, aber es hilft sehr. Ich bin in der Lage, die Behandlung meiner Kinder zu bezahlen und etwas Mehl und Gemüse für uns zu essen zu kaufen. Die Geschäfte erlauben uns jetzt, Lebensmittel auf Kredit zu kaufen, weil wir die monatliche Unterstützung erhalten."
  • Der Lebensmittelladenbesitzer Abdulkareem Salaeh aus Sana’a sagt: „Wir haben keine andere Wahl als Kredite anzubieten, die Leute sind verzweifelt, und wir kämpfen darum, das Geschäft am Laufen zu halten. Während einige in der Lage sind, zu zahlen, können andere das nicht und das ist ein Problem. Wir vergeben Kredite nur an Menschen mit einer verlässlichen Einkommensquelle, wie Angestellte, Geschäftsinhaber, Tagelöhner oder Empfänger von humanitärer Hilfe, sonst machen wir Verlust, was wir uns nicht leisten können. Wir sind kaum in der Lage, die Betriebskosten und die Kosten für die Waren, die wir verkaufen, zu decken. Das ist sehr bedauerlich!"
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