Zeit der Superlative
ETFs sind das Maß der Dinge. Laut BVI ist Deutschland der wichtigste europäische Absatzmarkt für ETFs. Deutsche Investoren hielten Ende 2025 knapp 500 Mrd. Euro der schätzungsweise 2,7 Bio. Euro an ETFs, die in Europa aufgelegt sind. Der europäische ETF-Markt ist allein im vergangenen Jahr um 30 Prozent gewachsen. Und der Siegeszug geht weiter. Mit Mittelzuflüssen von 56,3 Mrd. US-Dollar übertraf der europäische ETF-Markt im Februar den Rekordwert aus dem Januar nochmals leicht und markierte damit den nächsten historischen Höchststand, so eine Auswertung von Vanguard. Haupttreiber waren erneut Aktien-ETFs mit 45,9 Mrd. US-Dollar Nettoneuvermögen. Große wie kleine Häuser – alle sind mit von der Partie und wollen ein Stück des ETF-Kuchens haben. Richard Schmidt, Head of Portfolio Management der DJE Kapital AG, sagt in diesem Zusammenhang: „Wir sehen hier eine besonders hohe Dynamik auf der Nachfrageseite, getrieben durch eine wachsende Aktienkultur und den strukturellen Wandel hin zur privaten Altersvorsorge. Gleichzeitig ist Deutschland ein Innovationsmarkt für Vertriebsmodelle – insb. durch Neobroker und digitale Plattformen. Das führt dazu, dass Trends häufig hier früh sichtbar werden und sich dann europaweit fortsetzen.“
Dabei hat in den vergangenen Jahren ein grundlegender struktureller Wandel betreffend die Akzeptanz bei Privatanlegern stattgefunden. Tatsächlich ist die Anzahl der ETF-Sparpläne besonders seit 2020 enorm gestiegen. Zum einen liegt das daran, dass diese Wachstumsdynamik auch durch neue Anbieter wie die zahlreichen Neobroker befeuert wurde. Damit hängt der zweite Grund zusammen: das Thema Altersvorsorge. In den Jahren der Pandemie hatten viele Anleger mehr Zeit, sich mit ihrer eigenen finanziellen Vorsorge zu beschäftigen – Corona als Katalysator. Der positive Trend hat bis heute angehalten. Das Pflänzchen der Wertpapierkultur gedeiht. „Gleichzeitig ist das Verständnis für Kapitalmärkte und ETFs deutlich gestiegen. Die Demokratisierung der Geldanlage schreitet voran: Dank Neobrokern und digitaler Plattformen können heute auch Kleinanleger mit min. Beträgen investieren. Technologische Innovationen und ein breites Informationsangebot haben die Einstiegshürden weiter gesenkt“, wirft Ivan Durdevic, Leiter ETF-Vertrieb für Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei J.P. Morgan Asset Management, ein. Das Wachstum ist über alle Kundenschichten ablesbar. „Die Zuflüsse sind langfristig getrieben und hängen weniger von kurzfristigen Marktbewegungen ab. Sowohl Aktien‑ als auch Anleihen‑ETFs verzeichnen seit Jahren stabile Nettozuflüsse, und institutionelle Anleger, Vermögensverwalter und Allokatoren setzen ETFs zunehmend systematisch ein“, so Stefan Kuhn, Head of ETF Distribution Europe bei Fidelity International.
Beschleunigung durch aktive ETFs
Stillstand und das bloße Abbilden eines Index reichen natürlich nicht aus, um dauerhaft in der Industrie erfolgreich zu sein und Anleger zu überzeugen. So kann man mit Fug und Recht sagen, dass sich die ETF-Industrie in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt hat. Aktive ETFs könnten der „neue Kassenschlager“ sein: das „Beste aus zwei Welten“. Zum einen bieten sie, analog zu den ETFs, Kostenvorteile und deren Liquidität. Sie ergänzen aber das Ganze mit einer aktiven Steuerung, die Anlegern hilft, sich nicht vollends den Schwankungen eines Index auszusetzen. Fondsmanager können theoretisch schnell auf Marktveränderungen reagieren und ihre Portfolios dynamisch anpassen. Diese Anpassungsfähigkeit erlaubt es, Chancen zu erkennen und Risiken gezielt zu reduzieren. „Für uns sind aktive ETFs ein konsequenter nächster Schritt, um unsere bewährte aktive Investmentphilosophie in ein modernes, börsentäglich handelbares Format zu überführen. Wir sehen darin keine Abkehr vom klassischen Fondsmanagement, sondern eine sinnvolle Ergänzung, die neue Anlegergruppen erschließt“, so DJE Kapital-Experte Schmidt. Aus dem Hause J.P. Morgan AM ergänzt man, dass in den vergangenen zwölf Monaten rd. 41 Prozent der Neuanlagen in Europa auf aktive ETFs entfielen, in den USA sogar über 80 Prozent – ein Rekordwert. Bei institutionellen Anlegern beobachte man weiterhin den Trend, passive Strategien mit aktiven „Research Enhanced Index“-Strategien zu kombinieren. Auch das Interesse an aktiv gemanagten Anleihen-ETFs wachse nachhaltig.
In diesem Zusammenhang stellt sich zwangsläufig die Frage, wie aktiv diese ETFs sind. Eine Studie der HQ Trust sät (aktuell) Zweifel. Jan Tachtler, Leiter der Fonds- und Managerselektion, kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten der analysierten Produkte einen Active Share unter 60 Prozent aufweisen und einen Tracking Error von unter zwei Prozent. Das entspräche eher einem indexnahen als einem wirklich aktiven, konzentrierten Investmentansatz, so Tachtler. Allerdings gibt der Studienautor zu bedenken, dass der Markt für aktive ETFs jung sei und schnell wachse. Was heute gelte, müsse in zwei oder drei Jahren nicht mehr zutreffen. Fidelity-Experte Kuhn kommentiert mit Blick auf die Nachfrage nach aktiven ETFs, dass diese v. a. aus zwei Richtungen komme: zum einen von Anlegern, die bislang rein passiv investiert hätten und nun etwas mehr Renditepotenzial oder ESG‑Steuerungsmöglichkeiten suchten, zum andern von traditionellen aktiven Anlegern, die aufgrund regulatorischer Vorgaben, Kostenüberlegungen oder interner Risikovorgaben stärker in Richtung Index gedrängt würden. „Privatanleger spielen bei aktiven ETFs aktuell noch eine kleinere Rolle, dürften jedoch langfristig deutlich stärker in diesen Bereich einsteigen“, so Kuhn.
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