Erst vergessen, dann rückwärts: Was aus dem Barrierefreiheitsgesetz wurde, als alle wegschauten

Am 22. Juni 2025, kurz vor Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG), erreichte das öffentliche Interesse seinen Höhepunkt. Das Gesetz war in aller Munde, das Suchinteresse auf dem Maximalwert. Knapp ein Jahr später ist davon fast nichts geblieben. Das Suchinteresse ist um 96 Prozent eingebrochen, in mehreren Wochen war es nicht einmal mehr messbar. Das Gesetz gilt weiter. Die Barrieren bestehen weiter. Nur hinsehen will niemand mehr.

Genau das ist das Problem. Der Index für digitale Barrierefreiheit (IfDB) hat über die vergangenen Monate die Startseiten von 7.085 deutschen Unternehmen verfolgt. Das Ergebnis: In dem Moment, in dem die Aufmerksamkeit verschwand, verschwand auch der Fortschritt. Der Durchschnitt steht nahezu still. Und mehrere Hundert Websites sind sogar schlechter geworden, eine davon um 25 Punkte, von nahezu vorbildlich auf klar mangelhaft.

Der 30-Sekunden-Test

Ob das die eigene Einkaufswelt betrifft, lässt sich in einer halben Minute herausfinden. Auf barrierefreiheitsindex.org genügt es, die Adresse einer Website einzugeben. Der Test prüft sie gegen die zentralen Kriterien der WCAG 2.2 und liefert sofort einen Wert zwischen 0 und 100.

„Tippen Sie die Adresse Ihres Lieblingsshops ein", sagt Thomas Huhn, Gründer von accessibleAI. „Wenn das Ergebnis unter 80 liegt, würden Sie als blinder Mensch dort sehr wahrscheinlich nicht durch den Kaufprozess kommen. Das ist dann keine Statistik mehr. Das ist Ihr Samstagvormittag."

Wer hinsieht, liefert

Eine Gruppe bildet die Ausnahme: Branchen, die ohnehin unter regulatorischer Beobachtung stehen, ziehen davon. Der Gesundheitssektor und die Apotheken führen das Ranking mit je 87,4 Punkten an, gefolgt von Bildung (86,9), Finanzen und Versicherungen (je 86,8) sowie dem öffentlichen Sektor (86,7). Am unteren Ende stehen die verbrauchernahen Online-Shops: Mode und Möbel (je 82,2), Beauty (83,1) und der klassische E-Commerce (83,6).

„Ein Gesetz wirkt nicht, weil es in Kraft tritt, sondern weil jemand hinschaut", so Huhn. „Wo eine Aufsicht existiert, bewegt sich etwas. Wo die öffentliche Aufmerksamkeit weg ist, kommt der Stillstand, und manchmal der Rückschritt. Die eigentliche Nachricht nach einem Jahr BFSG ist nicht, dass das Gesetz versagt hätte. Sondern dass unsere Aufmerksamkeit es getan hat."

Im Jahr 2027 soll die Marktüberwachung der Länder ihre systematischen Prüfungen aufnehmen. Bis dahin bleibt die Frage, ob ein Online-Angebot zugänglich ist oder nicht, vor allem eine Sache derer, die es täglich erleben: der rund 13 Millionen Menschen mit einer anerkannten Behinderung in Deutschland. Sie suchen nicht nach dem Gesetz. Sie stoßen jeden Tag an seine ungelösten Lücken.

Über den Index für digitale Barrierefreiheit

Der IfDB analysiert aktuell 7.085 Unternehmenswebsites aus 30 Branchen anhand automatisierter WCAG-2.2-AA-Konformitätsprüfungen. Geprüft wird die jeweilige Startseite. Die Bewertung erfolgt auf einer Skala von 0 bis 100 und wird monatlich aktualisiert. Eine vollständige Aussage zur BFSG-Konformität eines gesamten Online-Angebots ist damit nicht verbunden. Methodik und Branchenergebnisse sind unter barrierefreiheitsindex.org öffentlich einsehbar.

Über accessibleAI

accessibleAI prüft, überwacht und verbessert die digitale Barrierefreiheit von Websites. Alle Daten werden DSGVO-konform auf deutschen Servern verarbeitet. Der Index für digitale Barrierefreiheit (IfDB) ist das erste unabhängige, datenbasierte Ranking der digitalen Barrierefreiheit deutscher Websites und umfasst über 7.000 Unternehmen aus 30 Branchen. Sitz: München, gegründet 2024.

Über die accessibleAI SmartCompliance GmbH

accessibleAI ist eine KI-gestützte Compliance-Plattform für digitale Barrierefreiheit mit Sitz in München. Die Software erkennt, repariert und überwacht WCAG-Konformität automatisiert — ohne Eingriff in den Quellcode bestehender Websites. Alle Daten werden DSGVO-konform auf deutschen Servern (Frankfurt, ISO 27001) verarbeitet. Das Unternehmen wurde 2025 gegründet und betreibt mit dem Index für digitale Barrierefreiheit (IfDB) das erste unabhängige, datenbasierte Ranking der digitalen Barrierefreiheit deutscher Websites.

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