Beim Pressegespräch am 4. Mai 2026 am Bildungs- und Innovationscampus Handwerk (BIH) in Groß Kreutz (Havel) berichteten Vertreter aus Handwerk, Verbänden, Bundesagentur für Arbeit, Ministerium und Projektpraxis über den Stand des Projekts. Im Zentrum stand eine klare Erkenntnis: Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt für beruflich qualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten seit März 2020 erleichtert. Zwischen gesetzlicher Öffnung und betrieblichem Alltag liegen jedoch nach wie vor viele Hürden.
Fachkräftebedarf im Handwerk wächst
Dem deutschen Handwerk fehlen 2026 schätzungsweise 200.000 bis 250.000 Fachkräfte. Besonders betroffen sind das Elektro-, SHK- und Metallhandwerk. Rund 70 Prozent der Betriebe suchen Personal mit der Folge, dass Aufträge zunehmend nicht mehr angenommen oder nur mit Verzögerung bearbeitet werden können.
Sprache als Schlüssel und als Hürde
Besonders deutlich wurde beim Pressegespräch die Rolle der Sprache. Sprachzertifikate allein reichen in der Praxis häufig nicht aus, um Fachkräfte sicher in komplexe betriebliche Abläufe einzubinden. Gerade im SHK-Handwerk kommt es auf präzise Verständigung an: Fachsprache, Sicherheitsanforderungen, eingespielte Abläufe auf der Baustelle und im Kundenkontakt. Unterschiedliche Sprachniveaus und fehlende berufsspezifische Sprachpraxis erhöhen den Einarbeitungs- und Betreuungsaufwand in den Betrieben erheblich.
Anerkennung, Qualifizierung, Mobilität: Was nach der Einreise kommt
Auch wenn Einreise, Arbeitsaufnahme und erste Integration gelingen, bleiben zahlreiche praktische Fragen, die zusätzlich Zeit, Geld und Organisation erfordern. Tursunov und Rabbonov durchlaufen derzeit praxisorientierte Qualifizierungsmaßnahmen: Im Zuge der Gleichwertigkeitsprüfung wurden Unterschiede zu den deutschen Referenzberufen festgestellt. In gezielten Praxisphasen im Betrieb arbeiten sie fehlende Kenntnisse in einzelnen Arbeitsbereichen nach. Ziel ist die volle Gleichwertigkeit mit den deutschen Ausbildungsberufen und die weitere Beschäftigung als vollwertige Fachkraft.
Hinzu kommen alltagsrelevante Herausforderungen wie bei der Nutzung und Umschreibung von Führerscheinen, Wohnungssuche in einem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt, Behördengänge von Anmeldung, über Krankenkasse bis zur Übersetzung von Dokumenten. Für Handwerksbetriebe, in denen Mobilität häufig Voraussetzung für den Arbeitseinsatz ist, entstehen daraus zusätzliche, auch kostenintensive Begleitungen, die bislang bei den Unternehmen hängenbleiben.
Weitere Fachkräfte auf dem Weg
Derzeit bereiten sich zwei weitere Fachkräfte aus Usbekistan auf ihre Einreise nach Westbrandenburg vor. Sie streben eine Anerkennung als Kraftfahrzeugmechatroniker und als Anlagenmechaniker SHK an und absolvieren derzeit ihre B1-Deutschprüfung. Nach erfolgreichem Abschluss werden Einreise und Arbeitsaufnahme bei Handwerksbetrieben in Brück und Neuruppin vorbereitet. Die Arbeitsmarktzulassungen werden derzeit geprüft. Darüber hinaus wurde bereits ein Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik aus Kolumbien an die HTB Haustechnik Brandenburg GmbH vermittelt. Er hat in diesem Jahr seinen Deutschkurs in Kolumbien begonnen und wird gegen Ende des Jahres in Brandenburg erwartet.
Dierk Lause, Unternehmensgründer und geschäftsführender Gesellschafter der HTB Haustechnik GmbH: „Für uns als Betrieb ist das Projekt eine echte Chance, weil wir Fachkräfte brauchen und gleichzeitig in der Praxis lernen, was für gelingende Integration tatsächlich erforderlich ist. Wir sehen aber auch sehr deutlich, wie hoch der Aufwand im Alltag ist. Es geht nicht nur um Arbeit, sondern um Sprache, Einarbeitung, Mobilität, Behördenwege und das gesamte Ankommen. Gerade in einem Handwerksbetrieb zeigt sich sehr schnell, dass Integration Zeit, Struktur und Verlässlichkeit braucht. Genau diese Erfahrungen müssen ernst genommen werden, wenn Fachkräfteeinwanderung in der Breite funktionieren soll."
Robert Wüst, Präsident der Handwerkskammer Potsdam: „Qualifizierte Fachkräfte sind für die Zukunft des Handwerks entscheidend. Deshalb brauchen wir auch eine gezielte und praxistaugliche Fachkräfteeinwanderung. Entscheidend ist, dass unsere Betriebe bei dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden. Sie brauchen Unterstützung bei Aufenthaltsverfahren, Sprache, Integration im Betrieb und im Alltag. Nur wenn wir Bürokratie abbauen und die Unternehmen konkret begleiten, kann internationale Fachkräfteeinwanderung auch im brandenburgischen Handwerk wirklich gelingen."
Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks und der Unternehmerverbände des Deutschen Handwerks, betonte: „Für das Handwerk mit seinen kleinbetrieblichen Strukturen sind Unterstützungsstrukturen in doppelter Hinsicht von zentraler Bedeutung: Nicht nur, um Betriebe in der gesamten Vorbereitung und Durchführung der Zuwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten zu begleiten. Ebenso sind sie zusammen mit dem aufnehmenden Betrieb unerlässlich für das Ankommen und die Zufriedenheit der Zuwanderer in ihrer neuen Umgebung. Diesem „Stay“-Aspekt der Zuwanderung sollte zukünftig noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit sich die ausländischen Fachkräfte dauerhaft im Handwerk und in ihrer neuen Umgebung in Deutschland wohl fühlen.“
Hintergrund
Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Pilotprojekt „Future International Talents (FIT) for German Climate Businesses“ unterstützt Handwerksbetriebe dabei, berufserfahrene Fachkräfte aus dem Ausland für klimarelevante Berufe zu gewinnen und sie auf dem Weg nach Deutschland, in den Betrieb und in den Arbeitsalltag zu begleiten. Dazu gehören die Rekrutierung, die sprachliche und organisatorische Vorbereitung, die Unterstützung im Einwanderungsprozess sowie die Begleitung bei Integration und Beschäftigungsaufnahme. Das Projekt wird gemeinsam vom Zentralverband des Deutschen Handwerks, der Bundesagentur für Arbeit und der sequa gGmbH in neun Pilotregionen in Deutschland umgesetzt. Die Handwerkskammer Potsdam ist eine von acht beteiligten Handwerkskammern im Pilotprojekt. FIT for German Climate Businesses will nicht nur möglichst viele qualifizierte Fachkräfte an Handwerksbetriebe vermitteln, sondern soll auch aufzeigen, wie das (novellierte) FEG im kleinbetrieblich strukturierten Handwerk in der Praxis funktioniert, welche Aufenthaltstitel tragfähig sind und an welchen Stellen Prozesse vereinfacht oder verbessert werden müssen. Ziel ist auch, belastbare, faire und für Handwerksbetriebe handhabbare Verfahren zu entwickeln. Wenn am Ende klarer ist, welche Rekrutierungswege funktionieren, welche Unterstützungsangebote Betriebe wirklich brauchen und wie Integration im Handwerk gelingen kann, dann hat das Projekt einen wichtigen strukturellen Beitrag geleistet.
Die Handwerkskammer (HWK) Potsdam ist eine als Körperschaft des öffentlichen Rechts organisierte Selbstverwaltungseinrichtung für die Landkreise Havelland, Oberhavel, Ostprignitz-Ruppin, Potsdam-Mittelmark, Prignitz, Teltow-Fläming und die kreisfreien Städte Potsdam und Brandenburg an der Havel. Sie ist die Interessenvertretung von rund 17.500 Mitgliedsbetrieben und ihren mehr als 71.800 Beschäftigten in über 125 Gewerken.
Die HWK Potsdam setzt sich für die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Handwerksbranche ein, bündelt die Kräfte und Gemeinsamkeiten des Handwerks und bietet ihren Mitgliedsbetrieben zahlreiche Unterstützungen bei wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen. Zu den Mitgliedsunternehmen gehören Handwerksbetriebe aller Branchen; vor allem aus dem Bau- und Ausbaugewerbe, Elektro und Metall, Holz, Bekleidung und Textil, Gesundheit, Reinigung sowie Nahrungsmittel.
Die HWK Potsdam bietet an ihrem Bildungs- und Innovationscampus Handwerk (BIH) in Götz umfangreiche Angebote für die Weiterbildung im westbrandenburgischen Handwerk und führt in den dortigen Lehrwerkstätten auch die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung durch. Sie ist zuständig für Gesellen-, Meister- und Fortbildungsprüfungen im Handwerk.
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